Geographische Länge und ihr Einfluss auf den Zeitpunkt des Sonnenuntergangs
Bad Tölz liegt bei 11,56 ° östlicher Länge. Schon wenige Längengrade bewirken messbare Verschiebungen bei den Gebetszeiten, weil die Sonne für jeden Grad rund vier Minuten früher oder später untergeht. München liegt zum Beispiel knapp einen halben Grad westlicher; dort erfolgt der Sonnenuntergang durchschnittlich zwei Minuten nach dem Zeitpunkt in Bad Tölz. Bei Städten wie Rosenheim (12,1 ° O) verschiebt sich das Bild in die andere Richtung. Diese Differenzen erklären, warum man sich stets am lokalen Zeitplan orientieren sollte, selbst wenn man im selben Bundesland unterwegs ist.
Für das Maghrib-Gebet bedeutet das: Sobald die Sonnenscheibe komplett unter dem Horizont verschwunden ist, tritt die Gebetszeit ein. Der Azan basiert also auf einem präzisen astronomischen Ereignis, das von der genauen Längengrad-Position abhängt. Wer genauer verstehen möchte, warum sein Gebetskalender manchmal von überregionalen Tabellen abweicht, findet die Erklärung oft schon in diesen wenigen Minuten Unterschied.
Die gleiche Logik gilt für Ischa. Der Beginn richtet sich nach dem Ende der nautischen Dämmerung (Sonnenstand –17° bis –18°). Da auch dieses Kriterium ausgehend vom Sonnenuntergang gemessen wird, zieht sich jeder Unterschied in der Länge linear bis in die Nacht fort.
Schuruq – die Bedeutung der Morgenröte und ihre Grenze für das Fadschr-Gebet
Die Zeitspanne zwischen dem ersten Lichtstreifen am östlichen Horizont (Fadschr sādiq) und dem tatsächlichen Sonnenaufgang (Schuruq) ist für das Morgengebet entscheidend. In Bad Tölz dauert dieser Abschnitt im Sommer rund 90 Minuten, im Winter dagegen nur 60 bis 70 Minuten. Grund dafür ist die geographische Breite von 47,76 ° N: Je weiter man nach Norden kommt, desto flacher schneidet die Sonnenbahn den Horizont; dadurch verlängern sich die Dämmerungsphasen im Juni und Juli.
Wichtig für den Alltag: Das Fadschr-Gebet muss unbedingt vor verrichtet werden. Mit dem Erscheinen der obersten Sonnenscheibe endet die Zeit und das Gebet würde nachgeholt (qadaʾ) gelten. Wer seinen Wecker stellt, sollte daher immer ein paar Minuten Sicherheitsabstand einkalkulieren, z. B. mit der Formel „Fadschr-Zeit minus fünf Minuten“.
Gleichzeitig beeinflussen die langen Sommernächte auch das Ischa-Gebet. In unseren Breitengraden verschwindet die astronomische Dämmerung im Hochsommer oftmals erst nach 23 Uhr. Muslime, deren Arbeits- und Familienrhythmus darunter leidet, können auf anerkannte Methoden wie die „eine-Siebtel-Nacht-Regel“ oder den Mittelwert zwischen Maghrib und Fadschr zurückgreifen. Solche Vereinfachungen sind in der klassischen Fiqh-Literatur erwähnt und werden insbesondere jenseits von 48-50 ° Breite praxisrelevant.
Asr nach zwei Berechnungsschulen – warum es zwei Zeiten geben kann
Das Nachmittagsgebet beginnt, sobald der Schatten eines Objekts seine eigene Länge erreicht (plus den sogenannten Meridianschatten). Dies ist die Position der Schafiʿi-, Maliki- und Hanbali-Schule. Die Hanafi-Schule wartet, bis der Schatten die doppelte Länge erreicht. Daraus ergeben sich in Bad Tölz je nach Jahreszeit 40 bis 70 Minuten Unterschied zwischen den beiden Berechnungen.
Wann welche Methode praktiziert wird
- Die meisten Moscheen in Deutschland veröffentlichen die frühere Schafiʿi-Zeit, weil sie auch in internationalen Gebetskalendern verwendet wird.
- Hanafi-Muslime orientieren sich an der späteren Zeit, um die eigene Rechtsschule einzuhalten.
Beide Zeiten sind islamrechtlich gültig, weil sie sich auf authentische Hadithe stützen. Wichtig ist nur, sich für eine Methode zu entscheiden und diese konsequent beizubehalten, um Verwechslungen zu vermeiden.
Wer nach Alltagstauglichkeit fragt, kann sich merken: Die frühere Asr-Zeit fällt im Winter oft noch in die Arbeitszeit, die spätere Asr-Zeit kann im Sommer sehr nahe an Maghrib heranrücken. Das verdeutlicht, wie stark sich der tägliche Ablauf eines Muslims an der Sonnenbahn orientiert, auch in einer modern geregelten Umgebung wie Oberbayern.