Wie sich die geografische Breite von Bensheim auf Fadschr und Ischa auswirkt
Bensheim liegt auf 49,68 ° nördlicher Breite. Diese Lage bewirkt im Jahresverlauf deutliche Unterschiede zwischen Sommer- und Wintertagen. Im Juni erreicht die Sonne ihren höchsten Stand und geht sehr früh auf, während die astronomische Dämmerung kaum endet, bevor sie bereits wieder beginnt. Dadurch rückt die Zeit für das Fadschr-Gebet in die frühen Morgenstunden, während Ischa bis weit nach 23 Uhr fallen kann. Umgekehrt werden die Winternächte länger; dann liegt Fadschr näher an 6 Uhr und Ischa schon am frühen Abend.
Die Länge der Dämmerungsphasen ist direkt an den Sonnenstand gekoppelt. Für den Beginn von Fadschr wird der Sonnenmittelpunkt in einem Winkel von –12 ° bis –18 ° unter dem Horizont angesetzt (abhängig von der Berechnungsmethode, siehe unten). Ischa beginnt, wenn die nautische oder astronomische Dämmerung vollständig verschwunden ist. Je höher die Breite, desto flacher schneidet die Sonnenbahn den Horizont; daher dauern die Dämmerungen länger. In extremen nördlichen Regionen verschmelzen sie im Hochsommer sogar („weiße Nächte“). In Bensheim ist dieses Phänomen noch nicht voll ausgeprägt, kann aber an klaren Tagen dazu führen, dass der nachtblaue Himmel nie ganz dunkel wirkt.
Praktisch bedeutet das: Wer sich an traditionellen Winkelwerten orientiert, erhält im Sommer sehr späte Ischa-Zeiten. Einige Gemeinden nutzen deshalb Hilfskriterien wie Mitternacht () als späteste Grenze, wenn die astronomische Dämmerung nicht mehr verschwindet. Im Winter stellt sich das Problem nicht, hier liefern alle Methodiken gut unterscheidbare Zeiten.
Asr-Zeit: Unterschied zwischen hanafitischer und schafiitischer Berechnung
Die Asr-Zeit beginnt, wenn der Schatten eines Objekts eine bestimmte Länge erreicht. Zwei klassische Definitionen haben sich etabliert:
- Schafiitisch, malikitisch, hanbalitisch: Asr beginnt, sobald der Schatten eines Gegenstands seine eigene Länge plus den Mittags-Schatten (faʾ al-zawāl) erreicht.
- Hanafitisch: Der gleiche Punkt wird erst bei der doppelten Länge des Gegenstands plus den Mittags-Schatten angenommen.
In der Praxis verschiebt die hanafitische Sicht den Asr-Beginn in Bensheim – je nach Jahreszeit – um 40 bis 70 Minuten nach hinten. Viele Moscheegemeinden in Deutschland veröffentlichen deshalb zwei Spalten oder markieren die spätere Zeit als „Asr (Hanafi)“. Beide Ansichten sind islamisch anerkannt; entscheidend ist die konsequente Befolgung einer Linie innerhalb der eigenen Schule.
Für gemeinsames Gebet empfiehlt es sich, die lokale Moschee zu fragen, welche Methode sie anwendet. Individuell Betende können die frühere schafiitische Zeit nutzen und gewinnen so einen größeren „Puffer“ bis Maghrib. Wer dem hanafitischen Madhhab folgt, wartet bis zum zweiten Schatten.
Berechnungsmethoden in Deutschland: MWL, Diyanet und IGMG im Vergleich
Im deutschsprachigen Raum sind drei Rechenmodelle besonders verbreitet. Alle basieren auf Sonnenposition, Datum, geografischen Koordinaten und Zeitzone, unterscheiden sich aber in den zugrunde liegenden Dämmerungswinkeln und in zusätzlichen Rundungsregeln.
Methode der Muslim World League (MWL)
MWL verwendet –18 ° für Fadschr und Ischa. Dadurch ergeben sich in Bensheim relativ frühe Fadschr- und späte Ischa-Zeiten. Die Methode wird oft von internationalen Apps übernommen, weil sie für viele Breitengrade gut funktioniert.
Diyanet (Türkei)
Die türkische Präsidiumsbehörde Diyanet nutzt –18 ° für Fadschr und –17 ° für Ischa, ergänzt durch länderspezifische Korrekturen. In Deutschland übernehmen zahlreiche DITIB-Gemeinden diese Werte. Das Resultat weicht im Sommer nur wenige Minuten von MWL ab, bringt jedoch etwas frühere Ischa-Zeiten.
IGMG (Europa-Zentralrat)
Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş setzt –12 ° für Fadschr und Ischa an. Diese niedrigeren Winkel liefern spürbar spätere Fadschr- und deutlich frühere Ischa-Zeiten – ein Vorteil in Regionen, in denen die Nacht sehr kurz wird. Viele Gemeinden mit bosnischem oder albanischem Hintergrund verwenden ähnliche Werte.
Welche Methode „die richtige“ ist, hängt von Gemeindetradition, Fiqh-Vorgaben und praktischen Gegebenheiten ab. In Bensheim liegt der Unterschied zwischen MWL und IGMG im Sommer bei etwa 30 Minuten, im Winter meist unter 10 Minuten. Wichtig ist daher, immer auf die Quelle zu achten und nicht verschiedene Tabellen unkritisch zu mischen.
Unabhängig von der gewählten Methode bleibt die Reihenfolge der Gebete unverändert: Fadschr vor Sonnenaufgang, Zuhr nach Überschreiten des Zenits, Asr (nach der gewählten Definition), Maghrib direkt nach Sonnenuntergang und Ischa mit Einbruch der Nacht. Wer pünktlich betet, erfüllt seine Pflicht; kleinere Abweichungen von wenigen Minuten fallen islamrechtlich nicht ins Gewicht.