Geographische Länge und ihre Wirkung auf den Sonnenuntergang
Geislingen an der Steige liegt mit 9,83 ° östlicher Länge etwas weiter östlich als viele umliegende Städte in Baden-Württemberg. Diese wenigen Längengrade reichen bereits aus, damit die Sonne hier einige Minuten früher untergeht als beispielsweise in Stuttgart oder Karlsruhe, die westlicher liegen. Für das Maghrib-Gebet, das mit dem Sonnenuntergang beginnt, bedeutet das: Wer regelmäßig zwischen verschiedenen Orten pendelt, sollte stets die lokale Berechnung heranziehen, weil ein einheitlicher Zeitplan schnell zu einer Verspätung oder Verfrühung des Gebets führen kann.
Die recht hohe geographische Breite von 48,62 ° beeinflusst zusätzlich die Länge des Tages. Im Sommer sind Abend- und Morgendämmerung sehr lang. Dadurch verschiebt sich das Ischa-Gebet im Juni deutlich nach hinten, während der Fadschr schon kurz nach Mitternacht beginnen kann. Im Winter hingegen wird der Zeitraum zwischen Maghrib und Ischa sehr kurz, was eine gute Planung erfordert.
Astronomische Dämmerung: Wie der Fadschr berechnet wird
Der Beginn des Fadschr ist an das erste Erscheinen des Morgendämmerungslichts (astronomische Morgendämmerung) geknüpft. Astronomisch spricht man von dem Moment, in dem die Sonne 18 ° (manche Methoden 15 °) unter dem Horizont steht. In Geislingen an der Steige wird dieser Winkel mit folgenden Faktoren kombiniert:
- Datum: Der Sonnenstand ändert sich jeden Tag geringfügig; daher verschieben sich die Gebetszeiten kontinuierlich.
- Koordinaten: Die genaue Breit- und Längengradangabe steuert, wann der 18 °-Winkel lokal erreicht ist.
- Zeitzone: UTC + 1 bzw. UTC + 2 (MESZ) legt den zivilen Uhrenwert fest.
- Rechenmethode: MWL, Diyanet oder IGMG setzen teils unterschiedliche Sonnenwinkel an (siehe unten).
Je höher ein Ort liegt, desto länger bleiben die astronomischen Dämmerungsphasen im Sommer bestehen. Ab 48 ° Breite – wie hier – kann es vorkommen, dass die Nacht nicht völlig dunkel wird. Das beeinflusst besonders das Ischa-Gebet, für das eine ausreichende Dunkelheit Voraussetzung ist.
Hanafi- und Schafiʿi-Definition des Asr
Das Asr-Gebet beginnt, wenn der Schatten eines Objekts seine eigene Länge plus den Mittags-Schatten erreicht (Schafiʿi, Maliki, Hanbali) beziehungsweise das Doppelte seiner Länge (Hanafi). In den täglichen Tabellen sind daher oft zwei Asr-Zeiten angegeben. Beide Zeiten basieren auf derselben astronomischen Berechnung, unterscheiden sich jedoch in der juristischen Definition.
Warum verschiedene Rechenmethoden (MWL, Diyanet, IGMG) existieren
In Deutschland verbreiten sich vor allem drei Methoden:
- Muslim World League (MWL): 18 ° für Fadschr und 17 ° für Ischa. Diese konservativen Winkel sorgen für relativ frühe Morgendämmerung und späte Nachtgebete.
- Diyanet (Türkei): 18 ° / 17 ° wie MWL, ergänzt um klimatologische Korrekturen speziell für europäische Breitengrade.
- IGMG: 12 ° für Fadschr und 12 ° für Ischa im Sommer, um Probleme der nicht endenden Dämmerung nördlich des 48. Breitengrads zu lösen. In Übergangszeiten wird stufenweise zum 17 °-Winkel zurückgekehrt.
Keine dieser Methoden ist per se „richtiger“; sie spiegeln vielmehr unterschiedliche juristische Präferenzen und praktische Erwägungen wider. Für die eigene Gemeinde wird häufig jene Methode gewählt, die vor Ort etabliert ist und den Gläubigen einen durchführbaren Tagesablauf ermöglicht.
Wer sich auf Reisen befindet oder verschiedene Kalender vergleicht, sollte beachten, welche Methode angewendet wurde. So erklärt sich, warum der Sonnenaufgang () überall identisch ist, Fadschr und Ischa aber je nach Quelle um mehrere Minuten, manchmal sogar eine halbe Stunde variieren können.