Asr-Zeit: Unterschiede zwischen hanafitischer und schafiitischer Berechnung
Die fünf täglichen Gebete sind an klar erkennbare Sonnenstände gebunden. Beim Asr-Gebet wird der Zeitpunkt über die Länge des Schattens bestimmt, den ein vertikaler Stab wirft. Nach der schafiitischen, malikitischen und hanbalitischen Schule beginnt Asr, sobald der Schatten eines Objekts genauso lang ist wie das Objekt selbst plus seinen Mittagsschatten. Die hanafitische Schule wartet, bis der Schatten doppelt so lang geworden ist. In einem Ort wie Gesundbrunnen, der bei etwa 52,55° nördlicher Breite liegt, kann diese Differenz – je nach Jahreszeit – zwischen 40 und 80 Minuten betragen.
Warum macht man diese Unterscheidung? Im Quran (Sure 17:78) wird das Gebet „nach der Neigung der Sonne“ erwähnt, ohne eine exakte Schattenlänge festzulegen. Die Gelehrten haben daher aufgrund unterschiedlicher Hadithüberlieferungen zwei Schwellen definiert. Beide Methoden sind gültig; entscheidend ist, konsequent einem der beiden Mazhab-Zeitfenster zu folgen, damit keine Gebete verloren gehen. Wer etwa dem hanafitischen Madschhab angehört, darf selbstverständlich schon nach der schafiitischen Zeit sunnah-Gebete verrichten, wartet aber mit dem fard-Asr, bis der längere Schatten erreicht ist.
Sommernächte auf 52,55° nördlicher Breite: Auswirkungen auf Fadschr und Ischa
Gesundbrunnen liegt deutlich nördlich des 48. Breitengrades. Das bedeutet lange Sommertage und sehr kurze Nächte. Um die Sonnenwende herum geht die Sonne nach 22 Uhr unter und taucht vor 4 Uhr morgens schon wieder auf. Die astronomische Dämmerung endet dann oft gar nicht vollständig. Dadurch rücken die Zeiten für Ischa und Fadschr ungewöhnlich nah aneinander heran.
Solange wenigstens ein schwacher Rest der nautischen Dämmerung erkennbar bleibt, lässt sich Ischa noch mit dem regulären Kriterium – dem Verschwinden des roten (oder nach anderer Meinung weißen) Abendlichts – berechnen. Überschreitet die Sonne den kritischen Punkt aber nicht mehr, greifen Ersatzmethoden, etwa:
- Ischa endet um , also zur Mitte zwischen Sonnenuntergang und Fadschr.
- Ischa beginnt 90 Minuten nach (Fixintervall-Modell).
- Proportionalverfahren, das den letzten Tag mit vollständiger Nacht als Referenz nimmt.
Welcher Ansatz angewendet wird, hängt von der lokalen Fatwa oder dem jeweiligen Recheninstitut ab. In Deutschland ist das Mitternachts-Kriterium am weitesten verbreitet, weil es das Gebet in der praktisch noch vorhandenen Dunkelphase ansiedelt.
Astronomische Morgendämmerung und die Bestimmung des Fadschr
Fadschr beginnt mit dem ersten horizontalen Lichtstreifen am Osthorizont („wahre Morgendämmerung“). ASTRONOMISCH übersetzt man dieses Phänomen in den Sonnenstand unter dem Horizont. Gängig sind 18°, 17,5° oder 15° negative Sonnenhöhe. Für Deutschland nutzen viele Gemeinden die MWL-Parameter (18° für Fadschr, 17° für Ischa). Andere, etwa das Diyanet, rechnen mit 18°/17° oder flachen das Modell im Sommer ab, um Extremzeiten zu vermeiden.
Folgende Faktoren fließen dabei ein:
- Datum: Der Sonnenstand verändert sich täglich, weshalb die Gebetszeiten wandern.
- Koordinaten: Je höher der Breitengrad, desto flacher die Sonnenbahn; das verlängert die Dämmerungsphasen im Sommer.
- Zeitzone: Für Gesundbrunnen gilt MEZ beziehungsweise MESZ. Die Uhrumstellung verschiebt die Gebetszeiten um eine Stunde.
- Rechenmethode: Unterschiedliche Institute setzen verschiedene Dämmerungswinkel ein, was im Ergebnis zu Abweichungen von bis zu 20 Minuten führen kann.
Diese Unterschiede sind erklärbar und stellen keine Widersprüche in der Religion dar. Entscheidend ist, dass die gewählte Methode auf anerkannten Kriterien basiert und konsequent angewendet wird.