Längengrad und lokale Verschiebungen des Sonnenuntergangs
Schlüchtern liegt auf 9,5° östlicher Länge und damit etwas östlicher als viele größere Städte Hessens. Diese wenigen Längengrad-Minuten reichen bereits aus, um den Zeitpunkt des Sonnenuntergangs – und damit den Beginn des Maghrib-Gebets – um mehrere Minuten zu verschieben. Befindet man sich beispielsweise in Fulda (9,7° E) oder Frankfurt am Main (8,7° E), kann der Sonnenuntergang schon bis zu fünf Minuten früher bzw. später eintreten. Für das tägliche Gebet bedeutet das: Selbst wenn alle anderen Berechnungsparameter identisch sind, muss das lokale Längengrad-Korrektiv berücksichtigt werden, um pünktlich zu beten. Genau deshalb wird das Gebetszeiten-Kalendarium immer anhand der exakten Koordinaten (50,35° N, 9,53° E) für Schlüchtern berechnet.
Wie wird der Sonnenuntergang exakt bestimmt?
Die Berechnung erfolgt astronomisch: Der wahre Sonnenuntergang ist der Moment, in dem der obere Sonnenrand den wahren Horizont berührt (Zenitwinkel ≈ 90°50’ durch Refraktion). Sobald dieser Wert erreicht ist, beginnt die Maghrib-Zeit. Alle übrigen Zeiten werden davon weiterleitet oder mit eigenen Sonnenständen ermittelt.
Kurze Spanne zwischen Maghrib und Ischa im Winter
Je tiefer die Sonne nach dem Untergang unter den Horizont sinkt, desto dunkler wird es. Für das Ischa-Gebet warten wir, bis das rote Abenddämmern (schafaq ahmar) vollständig verschwunden ist. In den Wintermonaten steht die Sonne steiler zur Ekliptik, sinkt also schneller ab. Dadurch schrumpft das Zeitfenster zwischen Sonnenuntergang und Ende der bürgerlichen Dämmerung auf oft nur 60–70 Minuten. Wer nach der Arbeit beten möchte, findet in dieser Phase daher ein knappes Zeitfenster.
Asr nach den Rechtsschulen
Die tägliche Planung betrifft auch das Asr-Gebet. In der hanafitischen Schule beginnt Asr, wenn der Schatten eines Objekts das Doppelte seiner Länge erreicht hat (zusätzlich zum Mittagsschatten). Die übrigen drei mazhab setzen den Beginn schon beim einfachen Schattenmaß an. Im Winter, wenn die Sonne schnell sinkt, kann die Differenz zwischen beiden Methoden mehr als 20 Minuten betragen. Unsere Monatsübersicht weist daher stets die gewählte Methode getrennt aus, damit jeder seinem Rechtsverständnis folgen kann.
Sommernächte am 50. Breitengrad: Herausforderungen für Fadschr und Ischa
Mit 50,35° nördlicher Breite gehört Schlüchtern zu den Regionen, in denen die Dämmerungsphasen in der warmen Jahreszeit deutlich verlängert sind. Rund um die Sommersonnenwende wird es nachts kaum vollkommen dunkel – das betrifft vor allem die astronomische Dämmerung, die für die Fadschr- und Ischa-Berechnung entscheidend ist.
- Fadschr: Er beginnt, wenn das erste horizontale Morgenlicht (Sonnenstand −18° oder −15°, je nach Methode) erscheint. Im Juni kann das bereits gegen 03:00 Uhr geschehen, was den Abstand zur Ischa-Zeit stark reduziert.
- Ischa: Das letzte Abendrot verschwindet bei derselben Sonnenstands-Definition wie Fadschr, jedoch nach Sonnenuntergang. In langen Juninächten kann das erst gegen 23:15 Uhr erreicht sein, sodass nur eine kurze Nacht für Schlaf und zusätzliche Gebete bleibt.
Bei noch höheren Breiten (über 54° N) verschwindet das rote Dämmerlicht mancherorts gar nicht; Schlüchtern bleibt davon verschont, doch die Übergangsphase ist deutlich gestreckt. Die islamische Rechtsprechung erlaubt daher, alternative Rechenmethoden einzusetzen, wenn das Verschwinden des Dämmerlichts praktisch nicht abgewartet werden kann. Gängig sind Proportional- oder Mittel-Des-Nächte-Modelle, bei denen die Länge der Dämmerung anteilig zur Nachtlänge festgelegt wird.
Praktischer Hinweis
Wer freiwillige Nachtgebete (qiyam, tahadschud) verrichten möchte, kann sich am Mittelpunkt der Nacht () oder am Beginn des letzten Drittels () orientieren. Diese Werte liegen zwischen Fadschr und Ischa und helfen, die private Anbetung sinnvoll zu planen, ohne die Pflichtzeiten zu vernachlässigen.