Warum sich das Zeitfenster zwischen Maghrib und Ischa in den Wintermonaten spürbar verkürzt
Steinfurt liegt auf 52,15 ° nördlicher Breite. Je weiter ein Ort vom Äquator entfernt ist, desto flacher verläuft die Bahn der Sonne über den Horizont. In den Wintermonaten erreicht die Sonne ihren Tiefststand, sie geht früh unter und die nautische Dämmerung endet schneller. Das hat zwei unmittelbare Folgen für das Gebetsschema:
- Maghrib beginnt unmittelbar mit dem Sonnenuntergang. Im Dezember kann das bereits kurz nach 16 Uhr sein.
- Ischa tritt ein, wenn die abendliche Dämmerung (Schafaq) vollständig verschwunden ist. Weil die Dämmerung im Winter kurz ist, liegen oft nur 70–90 Minuten zwischen beiden Gebeten.
Für den Alltag bedeutet das, dass die Gläubigen in dieser Jahreszeit weniger Spielraum zwischen den beiden Gebeten haben. Wer nach Feierabend noch unterwegs ist, sollte dieses enge Zeitfenster fest einplanen. Umgekehrt dehnt sich der Abstand im Sommer auf bis zu drei Stunden, sodass Ischa deutlich später stattfindet.
Rechenmethoden in Deutschland: MWL, Diyanet und IGMG im Vergleich
Gebetszeiten werden weltweit nach astronomischen Kriterien berechnet. Differenzen entstehen durch unterschiedliche Schwellenwerte für die Sonnendepression (Winkel unter dem Horizont), insbesondere für Fadschr und Ischa. In Deutschland sind drei Methoden am verbreitetsten:
MWL (Muslim World League)
Die MWL legt 18° für Fadschr und 17° für Ischa fest. Das führt zu relativ frühen Fadschr- und späten Ischa-Zeiten. Viele internationale Apps nutzen diese Standardwerte.
Diyanet (Türkische Präsidentschaft für religiöse Angelegenheiten)
Diyanet kalkuliert in Mitteleuropa ebenfalls meist mit 18°/17°, verwendet jedoch eigene Algorithmen zur Zeitgleichung und zur atmosphärischen Refraktion. Dadurch können die Zeiten wenige Minuten von MWL abweichen.
IGMG (Islamische Gemeinschaft Millî Görüş)
Die IGMG hat ihre Tabellen speziell für Deutschland angepasst und setzt 12° für Fadschr sowie 12° für Ischa an. Der Hintergrund ist die Beobachtung, dass bei hohen Breiten die praktische Wahrnehmbarkeit der Dämmerung früher eintritt. Folge: Fadschr erscheint später, Ischa früher als bei MWL oder Diyanet.
Keine der Methoden ist «richtiger» als die andere; jede baut auf anerkannten Fiqh-Gutachten. Wichtig ist, ein konsistentes System zu wählen und nicht täglich zwischen Varianten zu wechseln, um Verwirrung zu vermeiden.
Asr nach Schafiʿiten und Hanafiten: zwei Berechnungsweisen für dieselbe Region
Das Asr-Gebet beginnt, wenn der Schatten eines Gegenstands eine bestimmte Länge erreicht. Hier unterscheiden sich die Rechtsschulen:
- Schafiʿi, Maliki, Hanbali: Asr beginnt, wenn der Schatten genauso lang ist wie der Gegenstand selbst (zusätzlich zum Mittagsschatten).
- Hanafi: Asr beginnt, wenn der Schatten doppelt so lang ist wie der Gegenstand (plus Mittagsschatten).
In Steinfurt ergibt sich daraus je nach Jahreszeit eine Differenz von 30 bis 60 Minuten. Wer der hanafitischen Schule folgt, betet Asr also deutlich später als jemand, der schafiʿitische Tabellen beachtet. Beide Zeitpunkte gelten in ihren jeweiligen Mazhabs als gültig; ausschlaggebend ist die konsequente Befolgung der eigenen Schule.
Bei gemeinsamen Veranstaltungen, zum Beispiel in einer gemischt besuchten Moschee, wird häufig der frühere schafiʿitische Zeitpunkt gewählt, damit alle Mazhabs ihr Gebet innerhalb der gültigen Spanne verrichten können. Hanafiten können dann ihr Gebet wiederholen oder bis zum späteren Zeitpunkt warten.