Unterschiedliche Rechenmethoden in Deutschland: MWL, Diyanet und IGMG
In Deutschland werden vor allem drei Rechenmethoden verwendet, die sich vor allem durch die zugrunde gelegten Sonnen-Depressionswinkel für Fadschr und Ischa unterscheiden:
- Muslim World League (MWL): 18° / 17°. Diese Methode ist international weit verbreitet und wird von vielen Apps als Voreinstellung verwendet.
- Diyanet: 18° / 17° + eigene astronomische Tabellen. Die türkische Religionsbehörde veröffentlicht jährlich verbindliche Zeiten, die von vielen DITIB-Gemeinden in Deutschland übernommen werden.
- IGMG: 12° / 12°. Das islamische Zentrum der IGMG passt die Winkel an die hiesigen Sichtverhältnisse in Mitteleuropa an und wendet zusätzlich eine Zeitzonen- und Höhenausgleichsformel an.
Der Winkel beschreibt, wie tief die Sonne unter dem Horizont steht, wenn Dämmerung beginnt oder endet. Ein kleinerer Winkel führt zu späterem Fadschr und früherem Ischa, während ein größerer Winkel das Gegenteil bewirkt. Darum können zwei Tabellen für Viernheim am selben Tag um zehn oder mehr Minuten differieren, obwohl beide islamisch korrekt berechnet wurden. Jede Moschee oder Gemeinde legt fest, welchem System sie folgt. Wichtig ist, innerhalb einer Gemeinde einheitlich zu verfahren, um den Gemeinschaftscharakter des Gebets zu wahren.
Die Zeit für Asr kann zusätzlich variieren, weil die hanafitische Rechtschule den Schatten des Objekts in doppelter, die shafiitische in einfacher Länge zum Mittagsschatten misst. In vielen deutschen Moscheen werden beide Zeiten angegeben, sodass Gläubige nach ihrem Madhhab beten können.
Kürzere Spanne zwischen Maghrib und Ischa in den Wintermonaten
Viernheim liegt auf 49,54° nördlicher Breite. Im Winter sinkt die Sonne hier sehr steil unter den Horizont. Dadurch dauern die bürgerliche, nautische und astronomische Dämmerung nur kurz. Das hat zwei praktische Folgen:
- Die Maghrib-Zeit beginnt wenige Minuten nach Sonnenuntergang und geht nahtlos in die Ischa-Zeit über. Zwischen beiden Gebeten bleiben im Dezember oft weniger als 70 Minuten.
- Das Nachtgebet fällt in die frühen Abendstunden, sodass es sich leichter mit Berufs- und Schulzeiten vereinbaren lässt als in südlicheren Ländern.
Im Sommer ist der Effekt umgekehrt: die Sonne taucht flacher unter den Horizont, die Dämmerung zieht sich in die Länge, und Ischa beginnt erst spät. Bei sehr hohen Breiten kann die astronomische Dämmerung sogar ganz ausfallen – dazu mehr im FAQ.
Astronomische Dämmerung: Wie wird der Beginn des Fadschr bestimmt?
Der Fadschr markiert den Einbruch der astronomischen Morgendämmerung. In diesem Moment erscheint am östlichen Horizont erster waagerechter Lichtschimmer (Fadschr sadiq), während die Sonne noch 12–18° unter dem Horizont steht. Welche Zahl verwendet wird, hängt von der oben genannten Methode ab. Ein Beispiel:
- Sonne bei –18° → MWL/Diyanet: Fadschr beginnt.
- Sonne bei –12° → IGMG: Fadschr beginnt.
Auf 49,54° n.B. variiert der Zeitraum zwischen Fadschr und Sonnenaufgang im Jahresverlauf deutlich: Im Juni kann er über zwei Stunden liegen, im Dezember beträgt er manchmal kaum mehr als 90 Minuten. Diese Schwankung erklärt sich durch den veränderten Winkel, unter dem die Sonne ihre Bahn schneidet.
Auch das Nachtende für freiwillige Gebete oder den Suhur-Mahlzeit lässt sich mit astronomischen Mitteln bestimmen. Wer sicher gehen will, orientiert sich an der Hälfte oder dem letzten Drittel der Nacht: bzw. . Diese Werte ändern sich täglich, weil sich die Länge der Nacht fortlaufend anpasst.