Die täglichen Gebetszeiten werden in Leipzig nicht willkürlich festgelegt, sondern folgen klaren astronomischen Kriterien, die im islamischen Recht verankert sind. Wer versteht, wie diese Kriterien angewendet werden, kann die angezeigten Zeiten besser einordnen und eventuelle Unterschiede zwischen verschiedenen Kalendern nachvollziehen.
Asr-Zeit: Unterschied zwischen hanafitischer und schafiitischer Berechnung
Für das Nachmittagsgebet Asr gibt es zwei etablierte Meinungen:
- Schafi‘i-, Malikī- und Hanbalī-Madhhab: Asr beginnt, wenn der Schatten eines Objekts seine eigene Länge erreicht (zusätzlich zum Mittags-Schatten).
- Hanafī-Madhhab: Asr beginnt, wenn der Schatten doppelt so lang wird.
Je nach Jahreszeit verschiebt sich die Asr-Zeit in Leipzig dadurch um etwa 40 bis 70 Minuten. Im Winter, wenn die Sonne flacher steht, ist der Unterschied kleiner; im Sommer kann er fast eine Stunde betragen. Die Angaben auf dieser Seite beruhen – sofern nicht anders gekennzeichnet – auf dem schafiitischen Kriterium, weil es international verbreitet ist. Wer dem hanafitischen Madhhab folgt, addiert die genannte Differenz oder orientiert sich an einem Kalender, der explizit „Asr Hanafi“ ausweist.
Fadschr und die astronomische Morgendämmerung
Fadschr beginnt laut Sunnah mit dem zweiten Morgengrauen (fadschar sādiq). Astronomisch entspricht dies der Phase, in der die Sonne 18° bis 15° unter dem Horizont steht und am Osthimmel ein quer verlaufender Lichtstreifen erscheint. Die genaue Gradzahl hängt von der verwendeten Berechnungsmethode ab (siehe unten).
Leipzig liegt auf 51,34° nördlicher Breite. Diese relativ hohe Lage führt zu deutlichen jahreszeitlichen Schwankungen:
- Sommer: Die Sonne taucht nur kurz unter den Horizont, die Dämmerungsphasen verschmelzen. Fadschr tritt sehr früh ein, Ischa sehr spät. Zwischen den beiden Gebeten können weniger als vier Stunden liegen.
- Winter: Die Nächte sind lang. Fadschr verschiebt sich nach 6 Uhr, Ischa fällt oft schon vor 18 Uhr.
Bei extrem langen Dämmerungen – etwa um die Sommersonnenwende – stützen sich die meisten islamischen Zentren in Deutschland auf rechnerische Modelle, um verlässliche Zeiten anzugeben, obwohl die klassische Beobachtung schwierig wird.
Berechnungsmethoden in Deutschland: MWL, Diyanet und IGMG
Die drei meistgenutzten Kalkulationsschemata unterscheiden sich vor allem in den zugrunde gelegten Sonnenständen (astronomische Winkel) für Fadschr und Ischa:
- Muslim World League (MWL): 18° für Fadschr, 17° für Ischa. Weltweit verbreitet und Standard vieler Apps.
- Diyanet: 18° für Fadschr und Ischa. Wird von der Türkisch-Islamischen Union (DITIB) herausgegeben und in vielen deutschen Moscheen mit türkischem Hintergrund benutzt.
- IGMG (Islamische Gemeinschaft Millî Görüş): 17° für Fadschr, 16° für Ischa, plus leichte Anpassungen für hohe Breitengrade. In Deutschland besonders unter Gemeinden mit stärkerer Gemeindearbeit der IGMG verbreitet.
Weil jede Methode andere Grenzwerte wählt, können sich die angezeigten Zeiten – vor allem für Fadschr und Ischa – um fünf bis zwanzig Minuten unterscheiden. Für Zuhr, Maghrib und das schafiitische Asr sind die Differenzen meist deutlich kleiner, da sie stärker an sichtbare Sonnenereignisse (Kulmination bzw. Sonnenuntergang) gebunden sind.
Alle Methoden berücksichtigen dieselben Grunddaten: Datum nach gregorianischem und islamischem Kalender, geografische Koordinaten (51,34° N, 12,37° E) und die offizielle Zeitzone Europe/Berlin. Unterschiede ergeben sich allein aus den gewählten Sonnenständen und – beim Asr – aus dem Madhhab.