Berechnungsmethoden in Deutschland: MWL, Diyanet und IGMG
Damit die Gebetszeiten möglichst genau sind, greifen islamische Institutionen auf mathematische Modelle zurück, die den Sonnenstand für jeden Tag und jeden Ort berechnen. In Deutschland haben sich vor allem drei Verfahren etabliert:
- Muslim World League (MWL) – nutzt 18° für Fadschr und 17° für Ischa.
- Diyanet (Türkisches Präsidium für Religionsangelegenheiten) – verwendet fast identische Winkel wie MWL, veröffentlicht aber zusätzlich eigene Tabellen für Europa.
- IGMG – legt 15° für beide Dämmerungen zugrunde, um besser an die dicht besiedelten Breiten zwischen 47° N und 55° N angepasst zu sein.
Albstadt liegt auf 48,22° N. In dieser Zone gehen Sommerdämmerungen später und Winterdämmerungen früher in die Nacht über, weshalb sich die Institute auf unterschiedliche Winkel einigen mussten. Je kleiner der Winkel, desto später beginnt Fadschr und desto früher endet Ischa. Daraus ergeben sich Zeitdifferenzen von bis zu 20 Minuten zwischen den Methoden – eine normale, theologisch akzeptierte Bandbreite.
Hinzu kommt der Asr-Unterschied zwischen hanafitischer und schafiitischer Rechtsschule. Hanafiten warten, bis der Schatten eines Objekts das doppelte seiner Länge erreicht; Schafiiten (sowie Malikiten und Hanbaliten) begnügen sich mit der einfachen Schattenlänge. Deshalb kann Asr in der hanafitischen Tabelle bis zu eine Stunde später liegen. Beide Auffassungen sind legitim; wichtig ist, innerhalb der eigenen Schule konsequent zu bleiben.
Warum das Zeitfenster zwischen Maghrib und Ischa im Winter so kurz ist
Auf 48° N sinkt die Sonne im Dezember sehr steil unter den Horizont. Die astronomische Abenddämmerung endet oft schon 70–90 Minuten nach Sonnenuntergang. Daher rücken Maghrib und Ischa in Albstadt im Winter eng zusammen; für das freiwillige sunna-Gebet bleibt wenig Zwischenzeit. Im Juni dagegen bleibt der Himmel lange aufgehellt, weshalb Ischa erst deutlich später eintritt – manchmal mehr als zwei Stunden nach Maghrib.
Die tägliche Verschiebung ist besonders im Frühjahr und Herbst spürbar. In diesen Übergangsmonaten ändert sich die Maghrib-Ischa-Distanz fast von Woche zu Woche. Wer seine Abendroutine planen möchte, sollte deshalb die aktuellen Zeiten im Blick behalten und nicht von der Vorwoche ausgehen.
Bei sehr hohen Breiten verschwindet die nautische Dämmerung im Hochsommer teilweise komplett. Auf 48° N tritt dieses Problem zwar noch nicht akut auf, doch merkt man im Juni, dass Ischa sehr spät sein kann. Einige Rechtsgelehrte erlauben dann, die Ischa-Zeit nach mitternächtlicher Entfernung oder mittels festgelegter Minutenabstände festzulegen. In Albstadt wird jedoch in den meisten Jahren weiterhin eine offizielle Ischa-Zeit berechnet.
Schuruq verstehen – und warum Fadschr davor enden muss
Fadschr beginnt mit dem ersten schwachen Lichtstreifen am Horizont (astronomische Morgendämmerung) und endet strikt mit dem Sonnenaufgang, also dem Moment, an dem die Sonnenscheibe sichtbar wird. Dieser Zeitpunkt wird als Schuruq bezeichnet (). Nach Schuruq ist Fadschr ungültig, und bis zum Erreichen der Zenit-Zeit (Zuhr) gilt die Phase der verbotenen Gebete.
Da Albstadt westlich der Mitteleuropäischen Zeitzone liegt, kann der tatsächliche Sonnenaufgang im Vergleich zu anderen Städten derselben Längengrade leicht variieren. Im Sommer sind die Morgenstunden lang und hell, weshalb das Fadschr-Fenster großzügiger erscheint. Im Winter hingegen vergehen manchmal weniger als 90 Minuten zwischen Dämmerungsbeginn und Schuruq, sodass rechtzeitiges Aufstehen entscheidend ist.
Praktischer Tipp: Achte nicht nur auf den Beginn, sondern vor allem auf das Ende der Fadschr-Zeit. Plane deine Morgenvorbereitungen so, dass die letzte Niederwerfung vor Schuruq abgeschlossen ist; das Rezitieren nach diesem Zeitpunkt gilt nicht mehr als Fadschr-Gebet.