Bad Mergentheim liegt auf 49,49° nördlicher Breite. Diese geografische Lage bedeutet, dass der Abstand zwischen Sonnenauf- und ‑untergang im Jahresverlauf stark schwankt: Im Juni dauert der Tag fast 17 Stunden, im Dezember kaum 8. Das wirkt sich direkt auf die Gebetszeiten aus, vor allem auf Fadschr und Ischa, die sich an den Dämmerungsphasen orientieren. In langen Sommernächten verschmelzen Abend- und Morgendämmerung teilweise miteinander, sodass Ischa erst sehr spät und Fadschr schon kurz danach beginnt. Im Winter dagegen liegen beide Zeiten deutlich näher an den Tagesrandstunden.
Fadschr: Astronomische Dämmerung und der Sonnenstand
Die Pflichtzeit für das Fadschr-Gebet beginnt, sobald die astronomische Morgendämmerung (arab. Fadschr ṣādiq) eintritt. Aus astronomischer Sicht bedeutet das, dass der Sonnenmittelpunkt 18 ° unter dem Horizont steht und am Osthimmel der erste schwache Lichtstreifen erscheint. In Bad Mergentheim wird dieser Moment für jeden Tag neu berechnet, weil sich sowohl das Datum als auch die Erdbahnparameter ständig ändern.
Die Berechnung erfolgt in mehreren Schritten:
- Bestimmung des geographischen Nullpunkts: Breite 49,49 ° N, Länge 9,77 ° E.
- Berücksichtigung der Zeitzone Europe/Berlin (UTC + 1 / UTC + 2 im Sommer).
- Einbeziehung des jeweiligen Datums: Winkelposition der Erde in ihrer Umlaufbahn.
- Korrektur für atmosphärische Refraktion und die Höhe des Standortes.
Erst nach diesen Schritten wird der exakte Zeitpunkt ausgegeben, zu dem das Gebet beginnt. Das Ende von Fadschr ist eindeutig definiert: Es endet genau mit dem Sonnenaufgang. Wer also kurz vor betet, betet noch rechtzeitig.
Asr: Unterschiedliche Winkel bei hanafitischer und schafiitischer Berechnung
Für das Nachmittagsgebet gibt es zwei anerkannte Berechnungsweisen:
- Schafiitische, malikitische und hanbalitische Meinung: Die Zeit für Asr beginnt, wenn der Schatten eines Objekts seine eigene Länge erreicht (Fi’l-Zill al-Mithl) – zusätzlich zum Meridianschatten.
- Hanafitische Meinung: Die Zeit beginnt erst, wenn der Schatten die doppelte Länge des Objekts erreicht (Fi’l-Zill al-Mithlain).
Für Bad Mergentheim bedeutet das meist eine Differenz von 45–70 Minuten zwischen den beiden Ansätzen. Beide Methoden sind islamisch gültig. Viele Gebetskalender in Deutschland geben deshalb zwei Spalten für Asr an oder wählen standardmäßig die hanafitische Zeit, weil ein großer Teil der in Deutschland lebenden Muslime hanafitischer Herkunft ist.
Berechnungsmethoden in Deutschland: MWL, Diyanet und IGMG
Für die fünf täglichen Gebete existieren weltweit zahlreiche Berechnungssysteme. In Deutschland haben sich drei Methoden durchgesetzt:
1. Muslim World League (MWL)
Die MWL legt für Fadschr und Ischa 18 °/17 ° unter dem Horizont zugrunde. Diese Konfiguration wurde speziell für Länder mittlerer Breite entwickelt und ist deshalb in Europa sehr verbreitet. Viele lokale Moscheen und Apps greifen auf diese Einstellung zurück.
2. Türkisches Präsidium für Religionsangelegenheiten (Diyanet)
Diyanet nutzt 18 °/17 ° ähnlich wie MWL, korrigiert aber zusätzlich den Sonnenhöhenwinkel für Maghrib und wendet eigene Tabellen an, die historisch im Osmanischen Reich entwickelt wurden. Türkisch geprägte Moscheegemeinden in Deutschland halten sich in der Regel an Diyanet-Zeiten.
3. Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG)
IGMG verwendet ebenfalls 18 °/17 °, kombiniert dies jedoch mit einer Sommerkorrektur für hohe Breitengrade, um die Problematik der kaum endenden Dämmerung zu entschärfen. Für Städte oberhalb des 48. Breitengrads – Bad Mergentheim liegt knapp darüber – führt das zu leicht früheren Ischa-Zeiten im Juni und Juli als bei MWL.
Alle drei Verfahren basieren auf denselben astronomischen Grundlagen. Kleine Abweichungen entstehen durch unterschiedliche Winkelannahmen, Rundungen oder lokale Korrekturfaktoren. Wichtig ist, eine Methode konsequent zu verwenden, um Verwirrung zu vermeiden.