Längengrad und Sonnenuntergang: warum Bad Waldsee ein paar Minuten anders liegt
Bad Waldsee befindet sich auf 9,75° östlicher Länge. Für das Gebetszeiten-Raster in Deutschland ist das bemerkenswert, weil jeder Längengrad eine Verschiebung des Sonnenstandes um circa vier Minuten bewirkt. Städte weiter westlich – etwa Freiburg – erleben den Sonnenuntergang deshalb etwas später, während östlich gelegene Orte – zum Beispiel München – ihn früher erreichen. Auf den ersten Blick wirken diese Minuten unbedeutend, doch für Maghrib, das exakt mit dem Sonnenuntergang zusammenfällt, sind sie entscheidend. Derselbe Effekt verschiebt auch den Beginn von Ischa, das erst nach dem Ende der Abenddämmerung eintritt.
Die Breite von 47,92° Nord prägt zusätzlich den Jahresverlauf der Dämmerungen. In den langen Sommertagen rückt Fadschr sehr früh in die Nacht, weil die Morgendämmerung bereits kurz nach Mitternacht einsetzt, während Ischa erst spät abgeschlossen ist. Im Winter kehrt sich die Situation um: Der Tag ist kurz, Fadschr beginnt eher bequem, und Ischa folgt bald nach Maghrib. Diese natürlichen Schwankungen erklären, warum sich die Gebetszeitentabelle mit jedem Kalenderblatt ändert und warum der Tagesabschnitt, in dem gebetet werden kann, von Monat zu Monat differiert.
Rechenmethoden MWL, Diyanet und IGMG – warum gibt es mehrere Tabellen?
Die Gebetszeiten lassen sich auf zwei Wegen bestimmen: durch direkte Himmelsbeobachtung oder durch mathematische Modelle. Für einen einheitlichen und planbaren Alltag greifen fast alle Moscheeverbände in Deutschland auf Berechnungen zurück. Dabei haben sich drei Methoden etabliert, die sich vor allem in den Dämmerungs-Werten, also den Winkeln unter dem Horizont, unterscheiden:
MWL (Muslim World League)
MWL verwendet –18° für Fadschr und –17° für Ischa. Diese relativ tiefen Winkel verlängern die Zeitspanne zwischen den beiden Gebeten: Fadschr beginnt früher, Ischa endet später. Viele Apps und internationale Webseiten nutzen MWL als Standard, weshalb Reisende den Wert häufig als Referenz kennen.
Diyanet
Der türkische Präsidialrat für religiöse Angelegenheiten berechnet Fadschr und Ischa mit –18° beziehungsweise –17° ähnlich wie MWL, passt jedoch lokale Parameter wie Höhenkorrektur und atmospärische Refraktion streng an die Geodaten an. Für Gemeinden mit türkischem Hintergrund ist die Diyanet-Tabelle daher weit verbreitet.
IGMG
Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş orientiert sich zwar ebenfalls an –18°/–17°, legt jedoch den Asr hanafi standardmäßig zugrunde und nimmt kleinere Rundungen vor, um Konflikte zwischen benachbarten Städten zu minimieren. In vielen deutschen Moscheen hängt daher eine IGMG-Liste aus, die zeitlich leicht von MWL oder Diyanet abweichen kann.
Die Differenzen bleiben in der Regel im Bereich von zwei bis sechs Minuten. Für die Gültigkeit des Gebets ist das unproblematisch, solange man innerhalb des jeweiligen Zeitfensters betet. Wer in Bad Waldsee mehrere Kalender vergleicht, sollte daher zuerst prüfen, welche Methode und welchen Asr-Standard (Hanafi oder Shafi-i) die Tabelle nutzt.
Schuruq verstehen: die Grenze zwischen Fadschr und Tagesbeginn
Schuruq (Sonnenaufgang) markiert den Moment, an dem die obere Sonnenscheibe den Horizont überschreitet. Bis zu diesem Zeitpunkt kann Fadschr verrichtet werden. Nach Schuruq ist das Gebet ungültig, weil dann die Nahy al-Salât – die kurze Zeit des Verbots zu beten – einsetzt. Ein praktischer Merksatz lautet: „Fadschr endet genau mit dem ersten Sonnenstrahl.“ Auf dieser Seite wird Schuruq durch den Platzhalter angezeigt und aktualisiert sich täglich automatisch.
Wenige Minuten später beginnt Zuhr erst, wenn die Sonne den höchsten Punkt (Zenith) überschritten hat. Asr folgt, sobald der Schatten eines Objektes entweder seine eigene Länge erreicht (Shafi-i, Maliki, Hanbali) oder das Doppelte seiner Länge (Hanafi). Maghrib setzt exakt mit dem Sonnenuntergang ein, während Ischa wartet, bis die nautische Dämmerung beendet ist und das rote Leuchten verschwindet.
Die Breitenlage hat auch hier Folgen: Je weiter nördlich, desto länger kann die Dämmerung dauern. Bei gut 48° Nord verschwindet das Abendrot im Hochsommer erst sehr spät, was Ischa in Bad Waldsee bis weit nach 23 Uhr treiben kann. Manche Moscheen nutzen deshalb eine feste Obergrenze (takhdīr), um die Gemeinschaft nicht zu belasten. In der individuellen Praxis genügt es, sich an die veröffentlichte Methode zu halten und das Gebet innerhalb des genannten Rahmens zu verrichten.