Die täglichen Gebetszeiten für Bietigheim-Bissingen basieren auf astronomischen Berechnungen, die an die geografische Lage des Ortes – 48,94° nördliche Breite und 9,12° östliche Länge – sowie an die Zeitzone Europe/Berlin (UTC + 1, im Sommer + 2) angepasst werden. Durch diese Faktoren verschiebt sich der Beginn jedes Gebets im Jahresverlauf um mehrere Stunden. Die folgenden Abschnitte erläutern, wie die bekanntesten Rechenmethoden entstehen, welche Rolle die genaue Position von Bietigheim-Bissingen spielt und warum vor allem im Winter der Abstand zwischen Maghrib und Ischa besonders klein wird.
MWL, Diyanet oder IGMG? – Warum es mehrere Rechenmethoden gibt
In Deutschland werden Gebetszeiten meist nach einem von drei etablierten Ansätzen veröffentlicht:
- MWL (Muslim World League) arbeitet mit 18 ° Sonnenhöhe für Fadschr und Ischa. Diese relativ großen Winkel verlängern die Nachtgebete, was im Sommer nördlich des 48. Breitengrads wichtig wird.
- Diyanet nutzt 18 ° für Fadschr, aber nur 17 ° für Ischa. Da viele türkische Gemeinden direkt von Diyanet beliefert werden, ist diese Methode hierzulande weit verbreitet.
- IGMG stellt in Deutschland eigene Tabellen bereit. Die Organisation rechnet Fadschr ebenfalls mit 18 °, senkt den Ischa-Winkel jedoch regional ab, sobald die astronomische Dämmerung in den Sommermonaten nicht mehr vollständig endet.
Alle drei Verfahren basieren auf denselben islamischen Quellen, unterscheiden sich aber bei den Grenzwerten für die Sonne unter dem Horizont. Für den praktizierenden Muslim bedeutet das: Ein paar Minuten Unterschied sind normal und kein Hinweis auf Fehler. Welche Tabelle verwendet wird, entscheidet die lokale Gemeinschaft oder der Einzelne nach Vertrauenswürdigkeit und Gewohnheit.
Asr nach Hanafi und Schafi‘i
Zusätzlich spielt beim Asr-Gebet der Fiqh-Madhhab eine Rolle. Die Hanafi-Schule wartet, bis der Schattens eines Objekts das Doppelte seiner Länge erreicht (plus den Mittags-Schatten), während Schafi‘i, Maliki und Hanbali schon beim Einfachen Schattendoppeln beten. Die Tabellen führen deshalb oft zwei Asr-Einträge oder geben den späteren Hanafi-Zeitpunkt an.
Einfluss der geographischen Länge auf den Sonnenuntergang
Jeder Längengrad entspricht rund vier Minuten Zeitdifferenz. Bietigheim-Bissingen liegt bei 9,12° Ost und damit westlicher als etwa München (11,6° Ost) und östlicher als Stuttgart (9,18° Ost fast identisch). Ein dichteres Netz von Städten zeigt, dass der Sonnenuntergang hier im Vergleich zu München durchschnittlich etwa 10 Minuten später stattfindet, während er praktisch zeitgleich mit Stuttgart eintritt. Diese feinen Abweichungen erklären, warum man nicht einfach die Zeiten einer anderen Großstadt übernehmen sollte.
Die geografische Breite wirkt sich stärker auf die Länge des Tages aus. Auf fast 49° Nord sind die Sommertage sehr lang, die Wintertage kurz. Das führt dazu, dass sich der Fadschr im Juni bereits gegen 03:00 Uhr nähert, während er im Dezember erst nach 06:30 Uhr beginnt. Umgekehrt verschiebt sich Ischa im Sommer weit in die Nacht, manchmal über 23:00 Uhr, während es im Dezember kurz nach 18:00 Uhr dunkel genug ist.
Warum Maghrib und Ischa im Winter so nah beieinander liegen
Maghrib beginnt unmittelbar mit dem Sonnenuntergang (ghurūb asch-schams). Ischa startet, wenn die astronomische Dämmerung endet und der Himmel vollständig dunkel wird. Zwischen beiden Ereignissen liegt die bürgerliche, nautische und astronomische Dämmerung. Ihre Dauer hängt stark von der Sonnenbahn ab:
- Sommer: Die Sonne streift sehr flach unter den Horizont, was lange Dämmerungsphasen erzeugt. Darum vergeht im Juni in Bietigheim-Bissingen oft mehr als eineinhalb Stunden zwischen Maghrib und Ischa.
- Winter: Die Sonne sinkt steil ab. Die astronomische Dämmerung endet schon 60 – 70 Minuten nach Sonnenuntergang, teilweise noch schneller. So kann Ischa weniger als eine Stunde nach Maghrib beginnen.
Diese Verkürzung ist gut zu beobachten, wenn man die Monatsübersicht für Juni mit der Tabelle für den Dezember vergleicht. Wer Ischa in der kalten Jahreszeit früh beten möchte, gewinnt dadurch einen ruhigen Abend, ohne bis spät in die Nacht wach bleiben zu müssen.