Längengrad und Sonnenuntergang: Warum Bingen am Rhein ein paar Minuten später betet
Bingen am Rhein liegt auf 7,90° östlicher Länge. Das scheint wenig zu bedeuten, hat jedoch direkte Auswirkungen auf das Ende des Tages und damit auf Maghrib und Ischa. Ein Grad Längendifferenz entspricht etwa vier Minuten Sonnenlaufzeit. Städte, die nur 50 km weiter östlich liegen, beginnen den Maghrib daher einige Minuten früher, weil die Sonne dort eher untergeht. Umgekehrt verschiebt sich das Gebet in Orten westlich von Bingen nach hinten. Diese kleinen Abweichungen erklären, warum Kalender aus Mainz oder Wiesbaden nicht exakt für Bingen passen.
Die Berechnung der Gebetszeiten nutzt die lokale Sonnenzeit, nicht die einheitliche Zonenzeit. Für Bingen wird der Sonnenuntergang exakt dann angesetzt, wenn der Sonnenmittelpunkt den wahren Horizont unterquert. Dazu werden die astronomischen Koordinaten des Ortes, das Datum und der aktuelle Zeitzonen-Offset von Europa/Berlin herangezogen. Schon wenige Kilometer Unterschied in der Länge verändern die Minutenangabe, auch wenn auf der Armbanduhr kaum etwas auffällt.
Breitengrad 49,97° N: Was lange Sommernächte für Fadschr und Ischa bedeuten
Mit fast 50° nördlicher Breite steht Bingen am Rhein deutlich weiter vom Äquator entfernt als die meisten Ursprungsländer klassischer Gebetskalender. Dadurch wird die Dämmerung im Sommer sehr lang, die Nacht dagegen kurz. Zwischen Sonnenuntergang und -aufgang liegen im Juni kaum mehr als sieben Stunden. Fadschr beginnt erst, wenn die astronomische Morgendämmerung den Wert von 12–18° Sonnenstand erreicht, Ischa endet, wenn am Abend die Dunkelheit dieselbe Schwelle überschreitet.
Je nach Berechnungsmethode wählt man für Fadschr und Ischa unterschiedliche Sonnenstände. In Mitteleuropa sind 12° (MWL) oder 15° (UOIF) verbreitet. Nördlich des 48. Breitengrads kann es passieren, dass die astronomische Dämmerung in sehr hellen Nächten nicht vollständig eintritt. Dann wird Ischa nach der Mittelsommer-Regel berechnet: Entweder als fester Winkelersatz oder proportional zum Abstand zwischen Maghrib und Fadschr. Praktisch bedeutet das, dass die Ischa-Zeit in den längsten Tagen nie ganz „verschwindet“, sondern rechnerisch festgelegt wird, damit keine Gebetszeit ausfällt.
Warum Asr zwei Uhrzeiten haben kann
Für Asr berücksichtigen Kalender meist den hanafitischen oder den schafiitischen Ansatz. In allen Rechtsschulen beginnt Asr, wenn der Schatten eines Objekts seine eigene Länge übersteigt. In der hanafitischen Lehre addiert man jedoch noch eine weitere Eigenlänge hinzu. Daher erscheint in vielen Tabellen eine spätere, zweite Asr-Zeit. Beide Angaben sind korrekt, die Wahl richtet sich nach dem persönlichen Madhhab oder dem Imam der lokalen Gemeinde.
Kurze Wintertage: Die Spanne zwischen Maghrib und Ischa schrumpft
Im Dezember ist die Situation genau umgekehrt: Die Sonne erreicht mittags nur eine geringe Höhe, der Winkel für die Abenddämmerung wird viel schneller erreicht. Zwischen dem Sonnenuntergang (Maghrib) und der Einbruch der Nacht (Ischa) liegen dann in Bingen oft weniger als 70 Minuten. Wer an kurzen Tagen beruflich unterwegs ist, sollte diese enge Zeitspanne beachten, denn sie lässt wenig Puffer zwischen den beiden Gebeten.
Auch das Fadschr-Fenster verkürzt sich im Winter nicht im gleichen Maße, weil die Morgendämmerung langsamer verläuft als die abendliche. Der erste Gebetsruf kann trotzdem spät erscheinen – gegen 06:30 Uhr – weil die Sonne insgesamt später aufgeht. So wechselt das tägliche Gebetsschema über das Jahr ständig: Im Sommer wird früh gefastet und spät geschlafen, im Winter verschieben sich die Pflichten kompakter in die Kernstunden des Tages.
Warum sich Zeiten täglich verändern
Der scheinbare Sonnenlauf verändert sich jeden Tag um knapp eine Minute. Kalender berücksichtigen zusätzlich die Gleichung der Zeit, atmosphärische Refraktion und Rundungsregeln. Darum lesen Sie in Bingen heute eine andere Zahl als gestern – selbst wenn das Wetter identisch wirkt. Dieses Prinzip trifft alle fünf täglichen Gebete und sorgt dafür, dass der muslimische Tagesrhythmus dem natürlichen Licht folgt.