Unterschiedliche Berechnungsmethoden: MWL, Diyanet und IGMG
Deutschland hat keine staatlich einheitliche Instanz, die die Gebetszeiten verbindlich vorgibt. Deshalb greifen die hiesigen Gemeinden meist auf drei anerkannte Berechnungsmethoden zurück:
- Muslim World League (MWL): nutzt für den Fadschr einen Sonnenstand von –18° und für den Ischa –17°. Diese konservativen Werte sorgen für eher frühe Morgendämmerung und spätes Nachtgebet.
- Diyanet-Methode: wird von der türkischen Religionsbehörde entwickelt. Fadschr und Ischa liegen bei –18° bzw. –17°, aber die Berechnung erfolgt mit einem detaillierten Relief-Korrekturfaktor. Viele DITIB-Moscheen in Nordrhein-Westfalen orientieren sich daran.
- IGMG-Methode: kombiniert islamische Quellen mit lokalen Klimadaten. Sie nimmt –18° (Fadschr) und –17° (Ischa), gleicht aber zusätzlich Luftdruck und Temperatur an. Zahlreiche Gemeinden mit überwiegend nicht-türkischem Hintergrund nutzen diesen Ansatz.
Alle drei Methoden stützen sich also auf sehr ähnliche Sonnenstände, variieren jedoch bei atmosphärischen Korrekturen, Höhenangaben und der Rundung auf volle Minuten. Schon ein Unterschied von 0,1° kann in Bocholt eine Abweichung von zwei bis drei Minuten bedeuten. Deshalb weichen die Gebetszeiten verschiedener Kalender geringfügig voneinander ab, ohne dass eine Methode „falsch“ wäre.
Der Mazhab-Einfluss auf die Asr-Zeit
Für das Asr-Gebet unterscheiden sich die Rechtsschulen:
- Hanafi: Asr beginnt, wenn der Schatten eines Objekts zweimal so lang ist wie das Objekt selbst (zuzüglich des Mittagsschattens).
- Schafiʿi, Hanbali und Maliki: Asr beginnt schon bei der einfachen Schattenlänge.
Die Hanafiten erhalten dadurch einen späteren Asr-Zeitpunkt – im Sommer in Bocholt bis zu einer Dreiviertelstunde nach der schafiitischen Berechnung.
Das kurze Zeitfenster zwischen Maghrib und Ischa im Winter
Bocholt liegt auf 51,84° nördlicher Breite. Im Dezember beträgt der Tagesbogen der Sonne kaum acht Stunden. Sobald die Sonne unter den Horizont sinkt, erreicht sie den Ischa-Winkel von –17° sehr schnell. Das führt zu zwei praktischen Folgen:
- Maghrib- und Ischa-Gebet liegen nahe beieinander. Zwischen beiden Gebeten verbleiben an den kürzesten Tagen kaum 60–70 Minuten.
- Längere Nacht-Periode. Wer zusätzlich die Sunnah-Gebete verrichten möchte, sollte die Zeit effizient nutzen, weil Ischa früh beginnt, aber Fadschr erst spät ansteht.
Im Gegensatz dazu verlängert sich das Intervall zwischen Maghrib und Ischa im Juni deutlich. Dann dauert es bis zu zwei Stunden, bis der Ischa-Winkel erreicht ist.
Astronomische Dämmerung: Wie der Fadschr exakt ermittelt wird
Der Fadschr kennzeichnet den Beginn der Morgendämmerung, sobald das erste, quer über den Horizont ziehende, schwache Lichtband erscheint. Astronomisch entspricht dies der bürgerlichen Morgendämmerung bei einem Sonnenstand von etwa –18° unter dem Horizont. Die Berechnung benötigt vier Faktoren:
- Datum: weil die Erdachse geneigt ist, ändert sich der Winkel, mit dem die Sonne den Horizont schneidet, täglich.
- Geografische Koordinaten: Breite 51,84° N und Länge 6,62° E bestimmen den lokalen Sonnenauf- und ‑untergang von Bocholt.
- Zeitzone (Europe/Berlin): sorgt für die Umrechnung der astronomischen Zeit auf die gesetzliche Uhrzeit.
- Atmosphärische Parameter: Temperatur, Höhe über Meer und Luftdruck werden zur Feinkorrektur herangezogen.
Im Hochsommer werden in Bocholt wegen der hohen Breite fast keine tiefen dunklen Nächte erreicht; das charakteristische Rot der Dämmerung verschwindet nur kurz. Darum können die ermittelten Fadschr- und Ischa-Zeitpunkte trotz gleicher Methode etwas früher liegen als etwa in Städten südlich des 48. Breitengrades.
Wenn du dich für einen besonders frühen Tahadschud wecken möchtest, kann der Richtwert Mitten der Nacht hilfreich sein. Das passiert um .