Unterschiedliche Rechenmethoden in Deutschland: MWL, Diyanet und IGMG
Die fünf täglichen Gebete werden im Islam anhand astronomischer Ereignisse berechnet. Dabei geht es vor allem um den Sonnenstand, den Breitengrad, die geographische Länge und die lokale Zeitzone. In Deutschland haben sich drei Rechenmethoden etabliert:
- MWL (Muslim World League): verwendet 18° für Fadschr und 17° für Ischa. Diese relativ großen Winkel verschieben beide Gebetszeiten etwas weiter in die Nacht.
- Diyanet (Präsidium für Religionsangelegenheiten der Türkei): nutzt 18° für Fadschr, aber nur 17° für Ischa im Winter und 16° im Sommer. Dadurch endet Ischa in den langen Sommernächten früher als bei MWL.
- IGMG: kombiniert 17° für Fadschr und 16° für Ischa mit zusätzlichen Korrekturen für höhere Breitengrade. Viele Moscheenverbände in Südwestdeutschland greifen auf diese Variante zurück.
Die unterschiedlichen Winkel erklären, warum ein und derselbe Tag in Fellbach auf verschiedenen Websites leicht abweichende Zeiten zeigt. Keine dieser Methoden ist per se „richtiger“; alle basieren auf anerkannten fiqh-Grundlagen. Entscheidend ist, dass die gewählte Methode konsequent angewendet wird und die Gemeinde darauf abgestimmt ist.
Fadschr und Schuruk: Warum die Grenze so wichtig ist
Der Beginn des Morgengebets (Fadschr) wird durch das erste Aufleuchten des Morgendämmerungslichts (astronomisch: 18°–17° unter dem Horizont) definiert. Dieses diffuse Licht heißt auf Arabisch Fadschr as-sadiq. Ab diesem Moment darf das Fadschr-Gebet verrichtet und muss das Fasten (falls vorhanden) eingeleitet werden.
Die Zeitspanne endet exakt mit dem Sonnenaufgang, auf Deutsch meist Sonnenaufgang oder in der islamischen Terminologie Schuruk genannt. Danach ist das Gebet ungültig, bis die Sonne eine Sperrzeit von etwa 15 bis 20 Minuten überschritten hat. Wer also sicher gehen möchte, sollte das Fadschr-Gebet deutlich vor dem Moment des abgeschlossen haben.
Der Unterschied zwischen Fadschr und Schuruk ist damit nicht einfach „früh“ und „spät“, sondern ein klar definierter astronomischer Übergang. Diese Präzision erklärt, warum minimale Rechenabweichungen von wenigen Sekunden die Praxis nicht beeinträchtigen, solange der Gläubige die Gebete innerhalb des erlaubten Rahmens verrichtet.
Breitengrad 48,8° N: Lange Sommertage und ihre Auswirkung auf Ischa
Fellbach liegt auf etwa 48,8 ° nördlicher Breite. Je näher ein Ort den Polarkreisen kommt, desto länger werden die Sommertage und desto kürzer die Nächte. Ab rund 48 ° N tritt im Juni das Phänomen der dauerhaften bürgerlichen Dämmerung auf: Die Sonne sinkt zwar unter den Horizont, erreicht aber nicht mehr die für echte Nacht nötigen Tiefen. Für die Berechnung des Nachtgebets (Ischa) entsteht dadurch eine Schwierigkeit, weil der notwendige Dunkelheitsgrad nicht erreicht wird.
Die gängigen Methoden lösen das Problem unterschiedlich:
- MWL behält die vollen 17° bei. Dadurch kann Ischa im Hochsommer sehr spät aufscheinen und überschneidet sich teilweise mit Fadschr.
- Diyanet reduziert im Sommer auf 16° und setzt zusätzlich eine Regel, dass Ischa spätestens vor Mitternacht (bezogen auf die wahre Mittagslinie) liegen soll.
- IGMG greift bei Bedarf auf den taqrib-Ansatz zurück: Sollte der 17°-/16°-Winkel nicht erreichbar sein, wird Ischa anteilig von der Nachtlänge berechnet, häufig ein Siebtel oder eine Siebentelregel.
Praxistipp: Wer im Sommer späte Gebete nicht in der Moschee beten kann, sollte das Mahlzeiten- und Schlafschema frühzeitig anpassen und nach Möglichkeit die Gebete in den geforderten Zeiträumen verrichten. Im Winter dagegen verkürzt sich der Tag stark: Fadschr rückt später, Ischa früher – eine Erleichterung für viele Berufstätige.
Asr nach den verschiedenen Rechtsschulen
Während Fadschr, Zuhr, Maghrib und Ischa nur geringfügige Rechenunterschiede aufweisen, hängt Asr direkt vom Schatten des Objekts ab. Die hanafitische Schule legt den Beginn von Asr auf die Verdopplung der Mittagsprojektion (zweifache Schattellänge), die übrigen drei Rechtsschulen (Schafi’i, Malikiten, Hanbaliten) auf die einfache Schattellänge. Auf den Zeitplänen erkennt man das entweder an zwei Asr-Spalten oder an einem Hinweis, welche Methode zugrunde liegt. In Fellbach unterscheiden sich beide Zeiten im Durchschnitt um 40 bis 60 Minuten, abhängig von Saison und Sonnenhöhe.
Warum die Gebetszeiten täglich variieren
Die Erde umkreist die Sonne in einer elliptischen Bahn und ist zusätzlich um 23,4 ° gekippt. Dadurch verschiebt sich der Moment, an dem bestimmte Sonnenhöhen erreicht werden, Tag für Tag. Je weiter ein Ort vom Äquator entfernt liegt, desto größer wird diese tägliche Veränderung. Für Fellbach bedeutet das etwa 1–3 Minuten Unterschied von einem Tag zum nächsten – bei Fadschr und Ischa im Sommer sogar etwas mehr.