Unterschiede zwischen MWL-, Diyanet- und IGMG-Berechnungen
In Deutschland kursieren vor allem drei Rechenmethoden für die Gebetszeiten: die Muslim World League (MWL), die türkische Präsidentschaft für Religionsangelegenheiten (Diyanet) und die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). Alle drei nutzen die gleichen astronomischen Grundlagen – die Stellung der Sonne zum Horizont – wählen jedoch unterschiedliche Werte für den Sonnenstand bei Fadschr und Ischa.
- MWL: 18° unter dem Horizont für Fadschr und 17° für Ischa. Diese relativ großen Winkel führen zu einem frühen Fadschr und einem späten Ischa, was vor allem im Sommer spürbar ist.
- Diyanet: 18° für beide Gebete, aber mit regionalen Anpassungen. In Mitteleuropa wird oft ein Korrekturwert eingesetzt, um die sehr langen Dämmerungsphasen abzumildern.
- IGMG: 15° für Fadschr und 15° für Ischa. Dadurch rücken beide Gebete näher an den tatsächlichen Beginn der zivilen Dämmerung heran und sind für viele Gläubige praktischer.
Für Greiz (Breite 50,66° N) können sich daraus Unterschiede von mehreren Minuten, in den Sommermonaten sogar von über einer halben Stunde ergeben. Das hat nichts mit „richtigen“ oder „falschen“ Werten zu tun, sondern spiegelt die islamrechtlich zulässige Bandbreite wider. Wer sich an einen bestimmten Mazhab, eine Moschee oder eine Gemeinschaft hält, bleibt am besten konsequent bei einer Methode.
Asr nach zwei Schulen
Zusätzlich zum allgemeinen Rechenmodell spielt beim Asr-Gebet das Rechtsschul-Kriterium eine Rolle: Die hanafitische Schule legt den Zeitpunkt fest, wenn der Schatten eines Objekts doppelt so lang ist wie dieses Objekt selbst; die anderen drei Schulen (Schāfiʿī, Mālikī, Hanbalī) nehmen den einfachen Schatten als Grenze. Viele Tabellen – auch hier – bieten daher beide Werte an.
Schuruk: die entscheidende Grenze für das Morgengebet
Der Begriff Schuruk bezeichnet den Moment, an dem die obere Kante der Sonne am Horizont erscheint. Bis unmittelbar davor darf der Fadschr gebetet werden; danach ist er bis nach Sonnenaufgang (ca. 15-20 Minuten) unterbrochen. Die Zeile markiert also nicht ein zusätzliches Gebet, sondern das Ende der Fadschr-Zeit.
Warum ist diese Grenze so strikt? Der Prophet ﷺ hat das Gebet absichtlich von jeder Spur des Götzendienstes freigehalten. Sonnenaufgang und ‑untergang waren in vorislamischer Zeit häufige Opfer- und Gebetsmomente. Um jegliche Vermischung zu vermeiden, liegt das Fadschr innerhalb der Morgendämmerung und endet klar vor dem sichtbaren Sonnenaufgang.
Gleichzeitig erklärt das, weshalb zwei Muslime in Greiz die Fadschr-Zeit unterschiedlich erleben können: Je nachdem, ob ihr Kalender mit 15°, 17° oder 18° rechnet, beginnt die Dämmerung früher oder später – Schuruk bleibt jedoch für alle gleich.
Maghrib und Ischa: Warum der Abstand im Winter so kurz ist
Greiz liegt auf 50,66° nördlicher Breite. Auf dieser Höhe nimmt die Sonne im Winter einen viel flacheren Winkel zur Ekliptik ein als in südlicheren Regionen. Das bewirkt zwei Effekte:
- Die Sonne geht sehr früh unter – Mitte Dezember bereits vor 16 Uhr Ortszeit.
- Die astronomische Dämmerung endet deutlich schneller, weil die Sonne steiler unter den Horizont sinkt.
Dadurch schrumpft der Zeitraum zwischen Maghrib und Ischa auf oft weniger als 60 Minuten. Wer seine Gebete gewöhnlich zu Hause oder auf der Arbeit verrichtet, sollte im Winter besonders aufmerksam sein: Maghrib nicht unnötig hinauszögern und den Übergang zum Ischa im Blick behalten.
Im Sommer kehrt sich das Verhältnis um: Die Sonne taucht nur flach unter den Horizont, die Dämmerung zieht sich über Stunden, und Ischa kann erst spät in der Nacht eintreten. Manche Kalender nutzen dann Hilfsklauseln wie die „Mitternachtsregel“, um das praktische Beten zu erleichtern – ein legitimer Ansatz, solange er klar gekennzeichnet ist.
Zusammengefasst gilt: Die stündlichen Veränderungen entstehen durch das Zusammenspiel von Datum, geografischer Lage und gewähltem Berechnungsstandard. Wer diese Faktoren kennt, kann Unterschiede zwischen Tabellen leichter einordnen und seine Gebete mit ruhigem Herzen planen.