Der Sonnenstand und die Rolle der astronomischen Dämmerung bei der Berechnung von Fadschr
Die fünf Pflichtgebete orientieren sich im Islam an klaren, astronomisch bestimmbaren Anzeichen. Fadschr beginnt, sobald der sogenannte subḥ as-sādiq erscheint – das ist das erste horizontale Morgenlicht, wenn die Sonne sich noch rund 18 Grad unter dem Horizont befindet. Diese Phase nennen Astronomen die astronomische Morgendämmerung. Ab diesem Moment darf gefastet werden und das Fadschr-Gebet ist bis zum Sonnenaufgang (Sonnenaufgang) gültig. Deshalb liegt zwischen Fadschr und Schuruk immer ein Zeitkorridor, in dem das Gebet verrichtet werden muss.
Bei der Erstellung eines Gebetskalenders für Johannisthal werden die exakten Koordinaten (52,4465° N, 13,5066° E), das aktuelle Datum und die Zeitzone (Mitteleuropäische Zeit bzw. MESZ) in eine standardisierte astronomische Formel eingesetzt. Daraus ergeben sich Tageswerte für:
- den Winkel der Sonnendeklination,
- den lokalen Stundenwinkel,
- die Dauer des zivilen, nautischen und astronomischen Zwielichts.
Je nach Methode wird der Grenzwert für den Beginn der Morgendämmerung bei 15 – 20 Grad Sonnenstand angesetzt. Die in Deutschland gebräuchlichsten Methoden (siehe nächster Abschnitt) wählen meist 18 Grad. Dadurch erklärt sich, warum ein und derselbe Tag in verschiedenen Tabellen leicht unterschiedliche Fadschr-Zeiten ausweisen kann.
MWL, Diyanet oder IGMG? Warum verschiedene Berechnungsmethoden im Umlauf sind
In Deutschland treffen Muslime aus unterschiedlichen Herkunftsländern und Rechtsschulen aufeinander. Entsprechend haben sich drei Rechenansätze etabliert, die alle international anerkannt sind, sich aber bei den verwendeten Sonnenständen unterscheiden:
- MWL (Muslim World League) – 18° für Fadschr, 17° für Ischa; Asr in der Regel nach der Mehrheitsmeinung (Schattenlänge = 1 × Objektlänge).
- Diyanet (Türkische Religionsbehörde) – 18°/17°; für Asr wird die Hanafi-Meinung verwendet (Schattenlänge = 2 × Objektlänge), weshalb Asr hier durchschnittlich 20–30 Minuten später liegt.
- IGMG / Europäische Fatwa-Ratsmethode – 12°/12° in den Sommermonaten oberhalb 48° N, um das Problem der „weißen Nächte“ zu lösen; Rest des Jahres 17°/17°.
Alle drei Methoden greifen auf dieselben astronomischen Grundformeln zurück. Die Differenzen entstehen nur durch unterschiedliche Grenzwerte und durch die Wahl zwischen der Standard- (Schāfiʿī, Mālikī, Ḥanbalī) und der Hanafi-Bestimmung des Asr. Für Johannisthal bedeutet das:
- MWL- und Standard-Asr liegen beinahe gleichzeitig vor.
- Diyanet verschiebt Asr spürbar nach hinten, Maghrib und Ischa bleiben jedoch fast identisch.
- IGMG rückt Ischa im Hochsommer künstlich näher an Maghrib, um praktisch betenswerte Zeiten zu sichern.
Keine dieser Methoden ist „unislamisch“. Jede folgt anerkannten Gelehrtenmeinungen. Wichtig ist, konsistent eine Methode zu wählen und nicht täglich zu wechseln.
Breite 52,4° N: Lange Sommertage und die Herausforderung für Ischa in Johannisthal
Johannisthal liegt oberhalb des 52. Breitengrades. Damit sind die Sommertage besonders lang, die Nächte entsprechend kurz. Zwischen Mai und Juli sinkt die Sonne nur flach unter den Horizont; die astronomische Abenddämmerung kann dann sehr spät oder gar nicht vollständig eintreten. Das hat zwei praktische Folgen:
- Spätes Ischa: Nach der klassischen Definition (18°) würde Ischa weit nach Mitternacht fallen. Arbeit, Schule oder Gesundheit machen das Beten zu so später Stunde für viele Gläubige schwierig.
- Geringer Abstand zu Fadschr: In Extremnächten bleiben zwischen Ischa und Fadschr kaum zwei Stunden. Damit verschiebt sich der natürliche Schlafrhythmus erheblich.
Um diesen Umstand zu erleichtern, erlauben zahlreiche europäische Gelehrte, in der Zeit der „weißen Nächte“ auf Methoden mit kleineren Sonnenständen (z. B. IGMG 12°) oder auf Hilfskriterien wie die Mitte der Nacht () zurückzugreifen. Beide Ansätze bewahren das Prinzip, dass Ischa nach dem Ende der nautischen Dämmerung gebetet wird, und geben dennoch eine realistische Uhrzeit vor.
Im Winter kehrt sich das Bild um: Die Sonne verweilt tiefer unter dem Horizont, wodurch Fadschr und Ischa in Johannisthal vergleichsweise spät bzw. früh liegen. Der tägliche Wechsel von Sonnenstand und Tageslänge sorgt somit für das ständig variierende Gebetsraster, das Sie in den Tabellen sehen.