Berechnungsmethoden: MWL, Diyanet und IGMG – warum gibt es drei?
In Deutschland begegnet man meist drei Rechenansätzen für die Gebetszeiten: dem Muslim World League-Standard (MWL), den Vorgaben des türkischen Präsidiums für Religionsangelegenheiten (Diyanet) und dem Schema der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). Alle Methoden stützen sich auf die gleichen astronomischen Grundlagen – die Stellung der Sonne unter dem Horizont –, unterscheiden sich jedoch bei den gewählten Winkeln für Fadschr und Ischa sowie bei der Art, wie Rundungs- oder Sicherheitspuffer behandelt werden.
MWL setzt den Beginn der Fadschr-Zeit bei –18° Sonnenstand, Diyanet bei –18,5° und IGMG meistens bei –17°. Bei Ischa liegt der Unterschied ähnlich. Deshalb kann derselbe Tag in Kaarst drei leicht voneinander abweichende Tabellen erzeugen. Religionsrechtlich sind alle drei Methoden zulässig, denn sie bewegen sich innerhalb der anerkannten Bandbreite der klassischen Gelehrten. Viele Gemeinden in Nordrhein-Westfalen folgen der Diyanet-Liste, weil sie organisatorisch der DITIB angeschlossen sind; Jugend- und Studenteninitiativen greifen dagegen oft auf die MWL-Werte zurück, da sie international verbreitet und in vielen Apps voreingestellt sind. Wer sich an den Zeiten einer lokalen Moschee orientieren möchte, fragt am besten direkt dort nach, welche Methode zugrunde liegt.
Die geographische Lage von Kaarst auf 51,2° nördlicher Breite verlängert in den Sommermonaten die bürgerliche Dämmerung deutlich. Die Methoden reagieren darauf unterschiedlich: Bei sehr späten Ischa-Zeiten rundet Diyanet gelegentlich um einige Minuten ab, während MWL und IGMG streng am Sonnenwinkel festhalten. Auch daraus entstehen diskrete Abweichungen, die in der Praxis selten mehr als 10-15 Minuten betragen.
Asr-Zeit: zwei Rechtsschulen, zwei Schattenlängen
Die Shafiiten, Malikiten und Hanbaliten lassen die Asr-Zeit beginnen, sobald der Schatten eines Gegenstands seine eigene Länge erreicht (fardh-Asr 1). Die Hanafitische Schule wartet, bis der Schatten doppelt so lang ist (fardh-Asr 2). Beide Auffassungen stützen sich auf authentische Hadithe, die verschiedene Situationen des Propheten ﷺ beschreiben. In Kaarst wird in vielen Moscheen der hanafitische Zeitpunkt verwendet, weil er im türkischen und indischen Kulturraum üblich ist. Wer einer anderen Rechtsschule folgt, kann den früheren Zeitpunkt wählen, ohne seine Gebetsgüte zu gefährden.
Praktisch bedeutet das für einen Tag im Juni: Zwischen den beiden Asr-Marken liegen in Kaarst rund 45 bis 60 Minuten. Im Dezember schrumpft dieser Abstand auf teilweise unter 30 Minuten, weil die Sonne flacher über dem Horizont steht und der Schatten schneller wächst. Die monatliche Tabelle zeigt deshalb zwei Asr-Spalten, damit jeder seine Schule eindeutig wiederfindet.
Kurze Abende im Winter: Maghrib und Ischa rücken zusammen
Auf 51° Nord taucht die Sonne im Dezember besonders steil unter den Horizont. Das beschleunigt die nautische Dämmerung, so dass die Zeit zwischen Sonnenuntergang (Maghrib) und völliger Dunkelheit (Ischa) schrumpft. In Kaarst beträgt dieser Abstand Mitte Dezember oft nur 70 bis 80 Minuten, während er Ende Juni mehr als zweieinhalb Stunden erreichen kann. Wer nach der Arbeit betet, spürt den Wintereffekt sofort: Kaum hat man das Maghrib-Gebet verrichtet, ist es bereits Zeit für Ischa.
Um beide Gebete entspannt lesen zu können, lohnt sich eine kurze Erinnerung: Maghrib beginnt exakt mit dem Verschwinden der Sonnenscheibe. Die Ischa-Zeit startet, wenn die rötliche Dämmerung komplett verflogen ist. Zwischen diesen beiden Punkten darf man das Abendgebet verrichten; nach Ischa ist es nachholen nur noch als qadaʾ möglich. Ein dezenter Alarm kurz vor Ischa – zum Beispiel zehn Minuten vor dem iqama der lokalen Moschee – hilft, die knappe Frist nicht zu verpassen.
Im Sommer kehrt sich das Bild um: Die lange Abenddämmerung führt dazu, dass Ischa in Kaarst teilweise erst kurz vor Mitternacht beginnt. Einige Gemeinden führen dann ein „vereintes“ Nachtgebet ein, um den Alltag der Gläubigen zu erleichtern. Dabei wird Ischa um wenige Grad vorgezogen, verbleibt aber innerhalb der akzeptierten Wertspanne. Wer sich unsicher ist, orientiert sich weiterhin an den astronomisch berechneten Zeiten und liest Ischa, sobald die Dämmerung wirklich erloschen ist.
Fadschr, Sonnenaufgang und der Countdown am Morgen
Der Beginn der Fadschr-Zeit kennzeichnet den ersten schwachen Lichtstreifen am Osthorizont (subh sadiq). Er endet unmittelbar vor dem Sonnenaufgang. Auf dieser Seite markiert den kritischen Punkt; danach ist das Beten des Fadschr-Gebets nicht mehr gültig. Die morgendliche Differenz liegt in Kaarst je nach Jahreszeit zwischen 75 und 120 Minuten. Wer fastet, muss die Suhoor ebenfalls vor diesem Zeitpunkt beenden.
Durch die hohe geographische Breite verschiebt sich der Fadschr im Sommer stark nach vorne: Ende Juni kann er bereits gegen 03:00 Uhr beginnen. Im Winter dagegen liegt er nach 06:30 Uhr. Dieses natürliche Auf und Ab erklärt, warum die monatliche Tabelle täglich neue Werte ausgibt.