Warum es verschiedene Berechnungsmethoden gibt
Wer in Kirchhain nach Gebetszeiten sucht, stößt meist auf drei Institute: Muslim World League (MWL), Diyanet İşleri Başkanlığı und die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). Alle berechnen die fünf täglichen Zeiten anhand astronomischer Daten, setzen aber leicht unterschiedliche Parameter für den Sonnenstand.
Unterschiedliche Sun-Depression-Winkel
- MWL verwendet – 19° für Fadschr und – 17° für Ischa. Diese Werte wurden für eine globale Anwendung ermittelt und geben für Mitteleuropa konservative, also eher frühere Ischa-Zeiten an.
- Diyanet nutzt – 18° für beide Gebete. Dadurch liegen die Ischa-Zeiten etwas näher am astronomischen Sonnenuntergang, was vielen Gemeindemitgliedern besser in den Alltag passt.
- IGMG geht mit – 12° für Ischa speziell auf die langen mitteleuropäischen Sommernächte ein und hält die Nacht somit islamrechtlich kürzer, damit das Nachtgebet nicht zu weit nach hinten rückt.
Warum kann Asr unterschiedlich angezeigt werden?
Für das Nachmittagsgebet existieren zwei anerkannte Maßstäbe:
- Hanafitischer Madhhab: Der eigene Schatten muss die doppelte Länge des Objekts haben.
- Schafi‘itischer, malikitischer und hanbalitischer Madhhab: Der Schatten reicht schon bei einfacher Objektlänge aus.
Rechnerisch heißt das, dass Asr nach hanafitischer Sicht etwa 20–30 Minuten später beginnt. Viele Apps lassen heute beide Optionen zu; in Kirchhain ist wegen der türkischen Gemeinde oft der hanafitische Wert voreingestellt.
Schuruk: warum Fadschr hier endet
Fadschr beginnt mit dem ersten Morgengrauen und endet mit dem Sonnenaufgang (Schuruk). Wer in Kirchhain also das Morgengebet verrichten möchte, sollte es unbedingt vor abgeschlossen haben. Danach gilt die Zeit bis zu Zuhr als Makruh-Zeit für freiwillige Gebete.
Der klare Schnitt zwischen Fadschr und Schuruk hilft, die fünf täglichen Gebete sauber voneinander zu trennen: Schuruk gehört selbst nicht zu den Gebetszeiten, markiert aber den Übergang von Nacht zu Tag. Daher findet man ihn in fast jedem Gebetskalender – auch wenn er kein eigenes Pflichtgebet einleitet.
Übrigens: Das Maghrib-Gebet beginnt sofort nach dem Sonnenuntergang, sobald die obere Sonnenscheibe vollständig verschwunden ist. Diese direkte Verbindung zur realen Sonne erklärt, warum Maghrib-Angaben in allen Methoden nahezu identisch sind.
Sommernächte in Kirchhain: Einfluss der geografischen Breite auf Ischa
Kirchhain liegt auf 50,83° nördlicher Breite. Im Sommer sinkt die Sonne hier nur flach unter den Horizont, die astronomische Dämmerung kann bis weit nach Mitternacht dauern. Dadurch verschiebt sich Ischa bei klassischen Winkeln (–17° bis –19°) so spät, dass er für Berufstätige schwer erreichbar wäre.
Für diese Breiten haben sich deshalb verkürzte Modelle etabliert:
- 1/2-Nacht-Methode: Ischa wird auf die Hälfte der Zeit zwischen Sonnenuntergang und gelegt.
- 1/3-Nacht-Methode: gebräuchlich, wenn die Dämmerung gar nicht mehr endet. Ischa fällt dann auf .
Die hiesigen Moscheevereine greifen meist auf die IGMG-Tabelle zurück, weil sie mit – 12° oder der 1/2-Nacht-Regel den praktischen Bedürfnissen in Mittelhessen entgegenkommt. Beachten Sie aber, dass dies eine Erleichterung (Ruchsa) ist; wer kann, darf natürlich bis zum tatsächlichen Verschwinden des roten Horizonts warten.
Im Winter zeigt sich das Gegenteil: Die Sonne geht früh unter und taucht tief unter den Horizont. Fadschr beginnt dann vergleichsweise spät, und Ischa folgt bald nach Maghrib. Die jahreszeitlichen Unterschiede sind also direkt an der Breitengradlage ablesbar und lassen sich schon im Monatskalender für September erkennen.