Unterschiedliche Rechenmethoden und ihre Verbreitung in Deutschland
Die Zeiten für Fadschr, Zuhr, Asr, Maghrib und Ischa werden in Krefeld – wie überall – nicht „gemessen“, sondern mathematisch aus dem Sonnenstand berechnet. Dabei spielen fünf Faktoren zusammen: Kalenderdatum, geografische Koordinaten der Stadt (51,336° N, 6,554° E), lokaler Zeitzonenversatz, Höhe des Sonnenzentrums unter dem Horizont (sog. Sonnenwinkel) und ein eventueller Sicherheitsaufschlag. Unterschiedliche islamische Organisationen legen für diese Winkel eigene Werte fest, weshalb es mehr als eine gültige Methode gibt.
In Deutschland haben sich vor allem drei Berechnungssysteme etabliert:
- MWL (Muslim World League) – nutzt −18° für Fadschr und −17° für Ischa. Viele internationale Apps liefern standardmäßig diese Werte.
- Diyanet – die türkische Religionsbehörde rechnet mit −18° für Fadschr und −17° für Ischa, berücksichtigt jedoch zusätzlich die Höhe des Ortes über dem Meeresspiegel. Türkische Moscheen in Krefeld orientieren sich meist an diesem Schema.
- IGMG – das System der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş arbeitet mit −12° (Fadschr) und −12° (Ischa). Dadurch liegen die Morgengebete etwas später, die Nachtgebete früher.
Für jede Methode gilt: Die Gebetszeiten sind innerhalb eines legitimen Rahmens. Wer sein tägliches Gebet strikt nach einer Quelle einhält, betet gültig. Wichtig ist lediglich, sich konsequent an ein Rechenschema zu halten, um Verwirrung zu vermeiden.
Kurzes Zeitfenster zwischen Maghrib und Ischa im Winter
Wenn die Sonne in Krefeld zwischen November und Januar bereits gegen 16:30 Uhr untergeht, beträgt der Abstand zwischen Maghrib und Ischa oft weniger als 70 Minuten. Ursache ist der flache Sonneneinfallswinkel auf 51° Nord: Die astronomische Dämmerung (Beginn der völligen Dunkelheit) wird sehr schnell erreicht. Muslimische Reisende aus südlicheren Ländern sind deshalb überrascht, wie früh das Nachtgebet in Deutschland beginnt. Praktisch bedeutet das:
- Nach dem Verzehr des Iftar (im Fall eines freiwilligen Fastentages) bleibt kaum Zeit, bis das Zeitfenster für Ischa öffnet.
- Wer beide Gebete in der Moschee verrichten möchte, kann sie oft hintereinander beten.
- Spätestens nach endet die bevorzugte Zeit für Ischa, weil dann die Hälfte der Nacht überschritten ist.
Das enge Intervall erklärt auch, warum die Wintermonate von vielen Gläubigen als spirituell intensiv wahrgenommen werden: Die fünf Gebete liegen näher beieinander, die Erinnerung an das Gebet begleitet den Tagesablauf fast ununterbrochen.
Sommernächte auf 51° nördlicher Breite: Herausforderung für Ischa
Im Juni bleibt die Sonne in Krefeld nur knapp 14 Grad unter dem Horizont, bevor sie wieder aufsteigt. Die astronomische Dämmerung verschmilzt mit der Morgendämmerung; echte Dunkelheit tritt kaum ein. Dieses Phänomen wird in Nord- und Mitteleuropa als „weiße Nacht“ bezeichnet. Für die Berechnung der Ischa-Zeit ergeben sich dabei zwei Schwierigkeiten:
- Bei Methoden mit einem tiefen Sonnenwinkel (z. B. MWL, Diyanet) würde Ischa rechnerisch sehr spät – teilweise nach Mitternacht – liegen.
- Bei flacheren Winkeln (z. B. IGMG −12°) erhält man praxisnähere Zeiten, die jedoch vom klassischen Kriterium „völlige Dunkelheit“ abweichen.
Die Gelehrten empfehlen daher eine von drei Lösungen, falls die Nacht in unseren Breitengraden zu kurz ist:
- Reduktion des Sonnenwinkels (wie bei IGMG) – häufige Vorgehensweise in Deutschland.
- Proportionale Methode (1/7 oder 1/9 der Nachtlänge) – selten angewandt, aber fiqh-konform.
- Festlegung einer taqrīb-Zeit, z. B. 90 Minuten nach Maghrib, wenn eine Gemeinde sich gemeinschaftlich darauf einigt.
Wichtig ist, dass jede Methode von anerkannten Muftis befürwortet wird. Wer sich an die in Krefeld veröffentlichten Zeiten hält, betet daher auch im Hochsommer gültig.