Wie die Fadschr-Zeit aus astronomischer Sicht bestimmt wird
Das Fadschr-Gebet beginnt, wenn am östlichen Horizont das erste schwache Licht der Morgendämmerung erscheint. Aus astronomischer Perspektive spricht man von der «astronomischen Dämmerung», wenn die Sonne sich etwa 18 Grad unter dem Horizont befindet. Genau dieser Winkel – ergänzt um das aktuelle Datum, die geografischen Koordinaten (Breite 49,28° N, Länge 9,68° E) und die Zeitzone Europe/Berlin – bildet die Grundlage der Berechnung. Moderne Algorithmen berücksichtigen zusätzlich atmosphärische Refraktion und die leichte Exzentrizität der Erdbahn, sodass sich die angezeigten Minuten jeden Tag geringfügig ändern.
Auf einem Breitengrad von knapp 49 Grad dauern die Dämmerungsphasen im Sommer deutlich länger als in südlicheren Regionen. Dadurch rückt die Fadschr-Zeit im Juni und Juli sehr früh in die Nacht hinein. Wer den Gebetsbeginn genauer erfassen möchte, kann sich an der Regel orientieren, dass Fadschr endet, sobald die obere Sonnenkante den Horizont erreicht – also zum Zeitpunkt des Sonnenaufgangs (Schuruk).
Warum verschiedene Kalender abweichen können
Nicht alle Institutionen nutzen denselben Dämmerungswinkel. Manche europäischen Moscheeverbände rechnen mit 15 Grad, andere mit 18 Grad oder arbeiten mit Zwischenwerten, um lokale Lichtverhältnisse einzubeziehen. Je kleiner der gewählte Winkel, desto später wird Fadschr angesetzt. Diese methodischen Unterschiede erklären Abweichungen von mehreren Minuten zwischen verschiedenen Tabellen und Apps.
Maghrib und Ischa – das verkürzte Intervall im Winter
Maghrib beginnt unmittelbar, wenn die Sonnenscheibe vollständig untergegangen ist. Auf 49° nördlicher Breite sinkt die Sonne im Dezember steiler unter den Horizont als im Sommer. Die bürgerliche Dämmerung endet dadurch schneller, und die Sonne erreicht den für Ischa relevanten 15- oder 18-Grad-Winkel schon nach rund 70 bis 90 Minuten. Das Ergebnis: Zwischen Maghrib und Ischa liegt im Winter ein auffallend kurzes Zeitfenster, während es im Juni doppelt so lang sein kann.
Praktisch bedeutet das für Gläubige in Künzelsau, dass die Abendgebete während der kalten Jahreszeit zeitlich dichter zusammenrücken. Wer nach der Arbeit nur wenig Spielraum hat, kann beide Gebete nacheinander verrichten, ohne gegen eine empfohlene Zeitspanne zu verstossen. Im Sommer hingegen bleibt genügend Abstand, um zunächst das Fasten zu brechen, in Ruhe zu essen und erst später das Ischa-Gebet zu verrichten.
Lange Dämmerung im Sommer
Ab Mitte Mai wird die Nacht in dieser Region so hell, dass die nautische Dämmerung teilweise gar nicht endet. Einige Berechnungssysteme setzen dann fixe Grenzwerte (zum Beispiel 90 Minuten nach Sonnenuntergang) oder verwenden proportionale Verfahren, um eine praktikable Ischa-Zeit anzugeben. Welche Methode gewählt wird, erfahren Sie weiter unten im FAQ-Abschnitt.
Schuruk: Warum Fadschr unbedingt davor beendet sein muss
Schuruk kennzeichnet den Moment, in dem der obere Rand der Sonne den Horizont überschreitet. Nach islamischem Recht endet damit die Zeit des Fadschr-Gebets. Wer die Morgengebete bis kurz vor Schuruk aufschiebt, sollte mindestens so viel Puffer einplanen, dass er Takbiratul-Ihram noch vor dem tatsächlichen Sonnenaufgang gesprochen hat.
Direkt nach Schuruk beginnt eine unangemessene Phase für das freiwillige Gebet (Nahyi an al-salat), bis die Sonne eine Sperrzeit von ungefähr einem Speerwurf über den Horizont gestiegen ist. Erst danach wird das optionale Duha-Gebet empfohlen. Für das tägliche Pflichtprogramm genügt es also, Fadschr rechtzeitig abzuschliessen und sich bewusst zu machen, dass der Sonnenaufgang keine neue Pflichtzeit eröffnet, sondern lediglich eine Grenze markiert.
Zusammenhang zum Zuhr-Beginn
Zwischen Schuruk und Zuhr vergehen heute in Künzelsau je nach Saison drei bis fünf Stunden. Zuhr beginnt, wenn die Sonne ihren Kulminationspunkt leicht überschritten hat. Dieser Zeitpunkt verschiebt sich täglich, weil sich der wahre Mittag wegen der sogenannten Zeitgleichung nie exakt um 12:00 Uhr ereignet. Die Tageslänge, die durch die Nordsüdausrichtung der Erdachse bestimmt wird, spielt dabei eine entscheidende Rolle.
Asr nach zwei Rechtsschulen
Die Zeit für Asr wird anhand der Schattenlänge eines senkrechten Objekts festgelegt. Gemäss der hanafitischen Schule muss der Schatten die doppelte Länge des Objekts erreichen, bei Schafiʿiten (sowie Malikiten und Hanbaliten) genügt die einfache Länge. Auf 49° Breite ergeben sich dadurch im Sommer Differenzen von 40 – 50 Minuten, im Winter meist weniger als 20. Beide Meinungen sind im islamischen Recht gültig; jede Gemeinde folgt gewöhnlich der Tradition ihres Rechtsverständnisses.