Geografische Länge und ihr Einfluss auf den Sonnenuntergang
Leutkirch im Allgäu liegt bei rund 10 ° östlicher Länge. Für das tägliche Gebet bedeutet das: Pro Längengrad verschiebt sich der Sonnenuntergang im Schnitt um etwa vier Minuten. Städte wie Ravensburg (9,6 ° E) erleben den Sonnenuntergang daher meist zwei Minuten früher, während Kempten (10,3 ° E) ihn rund eine Minute später hat. Diese scheinbar kleinen Abweichungen können jedoch das Maghrib-Fenster merklich verändern, weil zwischen Sonnenuntergang und dem empfohlenen Eintreten des Gebets nur wenig Puffer liegt. Genau deshalb wird das Gebetszeiten-Schema immer für den konkreten Standort berechnet und nicht pauschal für ein ganzes Bundesland.
Neben der Länge spielt auch die Höhe über dem Meeresspiegel eine Rolle. Leutkirch liegt rund 660 m ü. NN. Durch die leicht erhöhte Lage kann der Sonnenball in der Theorie wenige Sekunden länger sichtbar sein als in tiefer gelegenen Orten gleicher Länge, doch dieser Effekt wird schon im astronomischen Grundmodell der Berechnung berücksichtigt.
Asr nach Hanafi und Schafi‘i
Die Länge des Schattens, bei der das Asr-Gebet beginnt, ist im Hanafi-Madhhab auf das Doppelte der Körperlänge festgelegt, in den meisten anderen Rechtsschulen (u. a. Schafi‘i) genügt bereits das Einfache. Da der Sonnenuntergang feststeht, verschiebt sich dadurch nur der Beginn des Zeitfensters, nicht sein Ende. Für Leutkirch kann das eine Differenz von rund 30 bis 45 Minuten ausmachen, abhängig von Jahreszeit und Tageslänge.
Astronomische Morgendämmerung: Wie die Fadschr-Zeit ermittelt wird
Die Fadschr-Zeit beginnt, wenn sich die Sonne so weit unter dem Horizont befindet, dass der erste horizontale Lichtstreifen („wahre Morgendämmerung“) erscheint. International verbreitet sind zwei Schwellenwerte:
- -18 ° Sonnenhöhe (astronomische Morgendämmerung) – konservativ, führt zu einem früheren Fadschr.
- -15 ° Sonnenhöhe – in Mitteleuropa häufiger genutzt, da örtliche Lichtverhältnisse den hellen Streifen bereits etwas früher sichtbar machen.
Für die Berechnung in Deutschland wird meist der zweite Wert verwendet. Die Parameter der Umm-al-Qura-Methode oder der Islamischen Weltliga führen bei 47,83 ° N zu einer Fadschr-Zeit, die rund 80–90 Minuten vor dem Sonnenaufgang liegt. Wer einen rein astronomischen Kalender nutzt, kann auf leicht abweichende Zeiten stoßen, weil dort andere Höhen oder Abrundungen angewendet werden.
Ein nützlicher Anhaltspunkt ist der Abstand zwischen Fadschr und . Bleibt dieser über das Jahr hinweg relativ konstant, wurden vermutlich stabile Parameter gewählt. Größere Sprünge signalisieren dagegen einen Methodenwechsel im Hintergrund.
Maghrib bis Ischa: Warum die Spanne im Winter besonders kurz ist
Bei einer Breite von 47,83 ° N sind die Unterschiede zwischen Sommer und Winter deutlich spürbar. Im Dezember dauert der helle Tag kaum acht Stunden; die Sonne sinkt steiler unter den Horizont als im Juni. Dadurch verrauscht die rote Abenddämmerung schneller und die nautische Dämmerung (-12 °) wird in kurzer Zeit erreicht. Das Zeitfenster von Maghrib bis Ischa schrumpft dann oft auf 60–70 Minuten.
Im Juni hingegen verläuft die Sonnenbahn flacher, die Dämmerung zieht sich in die Länge und kann zwei Stunden oder länger dauern. Für Betende bedeutet das:
- Wer Ischa möglichst bald nach Maghrib verrichten möchte, findet im Winter nahezu ideale Bedingungen.
- Im Hochsommer kann Ischa erst weit nach 23 Uhr eintreten. Bei anhaltender Helligkeit empfiehlt die Mehrzahl der europäischen Fatwa-Räte die Berechnung über die „Angle-Based“-Methode oder den Mitternachts-Ansatz, damit das Pflichtgebet nicht in die biologisch späte Nacht rutscht.
Die Wahl der Methode wird in der Regel im Vorfeld durch die jeweilige Moscheegemeinde oder den lokalen Dachverband bekanntgegeben. Änderungen erfolgen nur selten, doch wenn sie auftreten, spiegeln sich Unterschiede zuerst in der Ischa-Zeit wider, weil diese am stärksten von den Dämmerungsparametern abhängt.