Die täglichen Gebetszeiten fußen auf klaren astronomischen Kriterien. Trotzdem fragt man sich schnell, warum etwa Fadschr und Ischa in Marktredwitz (Breite 50,0° N, Länge 12,1° O) nicht identisch mit den Zeiten im nur wenige Kilometer entfernten Fichtelgebirge oder im oberfränkischen Hof sind. Die folgenden Abschnitte erläutern, wie genau sich die Lage der Stadt auf den Gebetskalender auswirkt und worauf es insbesondere bei Fadschr, Schuruq und Asr ankommt.
1. Wie die geografische Länge den Sonnenuntergang beeinflusst
Für die Zeit des Sonnenuntergangs, und damit für Maghrib, ist ausschlaggebend, wann die Sonnenscheibe den lokalen Horizont unterschreitet. Die Erde dreht sich in 24 Stunden einmal um 360 Grad; ein Längengrad entspricht also rund vier Minuten Zeitdifferenz. Marktredwitz liegt bei 12,1° Ost und damit etwas östlicher als zum Beispiel Bayreuth (11,6° Ost) oder Nürnberg (11,1° Ost). Dort verschwindet die Sonne rund zwei bis vier Minuten später. Diese scheinbar kleinen Abweichungen entscheiden darüber, ab wann Maghrib gültig ist oder wann das Fasten gebrochen werden darf.
Auch die sogenannte Zeitgleichung, also die jahreszeitliche Verschiebung zwischen mittlerer und wahrer Sonnenzeit, fließt in die Berechnung ein. Zusammen mit lokal unterschiedlichen Geländehöhen erklärt dies, weshalb sich die Zeiten auf verschiedenen Kalendern geringfügig unterscheiden können, selbst wenn die zugrundeliegende Berechnungsmethode identisch ist.
2. Schuruq – warum Fadschr vor Sonnenaufgang enden muss
Schuruq bezeichnet den Moment, in dem die obere Kante der Sonne erstmals sichtbar wird. Bei den Gebetszeiten entspricht dies dem Sonnenaufgang. Spätestens zu diesem Zeitpunkt muss das Fadschr-Gebet abgeschlossen sein, denn der Prophet ﷺ warnte davor, das Morgengebet in die ersten Sonnenstrahlen hinein zu verzögern. Das Intervall zwischen dem Beginn der astronomischen Morgendämmerung und Schuruq hängt stark von Jahreszeit und geografischer Breite ab.
Am 50. Breitengrad dauert diese Phase im Sommer deutlich länger als im Winter. Während im Dezember oft nur eine knappe Stunde verbleibt, können es im Juni bis zu zwei Stunden sein – dank der flachen Sonnenbahn. Gläubige in Marktredwitz gewinnen dadurch morgens zwar mehr Vorbereitungszeit, müssen aber im Sommer mit einem sehr frühen Gebetsbeginn rechnen. Ein Blick auf verdeutlicht, wie eng die Deadline an manchen Tagen liegen kann.
3. Stellung der Sonne und astronomische Dämmerung: Wie Fadschr berechnet wird
Fadschr beginnt mit dem Einsetzen der wahren Morgendämmerung, wenn sich am Osthorizont ein quer zum Horizont verlaufender Lichtstreifen bildet und der Himmel nicht mehr vollkommen dunkel ist. Astronomisch definiert man diesen Punkt meist dadurch, dass die Sonnentiefe einen bestimmten Negativ-Winkel unterschreitet. International gebräuchliche Methoden verwenden Werte zwischen –12° und –18°:
- –18°: Muslim World League (MWL), in Deutschland weit verbreitet
- –15°: Egyptian General Authority
- –12°: Umm al-Qura bis 2015, heute –18°
Je kleiner der gewählte Winkel, desto später setzt rechnerisch Fadschr ein. Bei hoher Breitelage wie in Marktredwitz entsteht im Sommer ein weiteres Phänomen: Die Sonne sinkt nachts nicht mehr weit genug unter den Horizont, das Ende der nautischen oder sogar der bürgerlichen Dämmerung entfällt. In solchen Nächten würde eine Berechnung mit –18° keine sinnvolle Zeit liefern. Deutsche Gebetskalender umgehen dies, indem sie den Winkel anpassen oder auf eine proportionale Methode zurückgreifen, die den Abstand zwischen Maghrib und Fadschr anteilig festlegt.
Asr nach verschiedenen Rechtsschulen
Der Beginn von Asr wird entweder anhand der einfachen oder der doppelten Schattenlänge eines Objekts über seine Mittagslänge hinaus bestimmt. Die Hanafiten folgen der doppelten Länge; die anderen drei sunnitischen Rechtsschulen verwenden die einfache. In Marktredwitz führt dies im Jahresverlauf zu Abweichungen zwischen ungefähr 30 und 50 Minuten. Beide Auffassungen sind legitim; entscheidend ist die konsequente Anwendung der jeweils gewählten Methode.
Durch die nordische Breite verschieben sich zudem Fadschr nach vorn und Ischa nach hinten, während Zuhr und Asr relativ stabil um die Mittagszeit gruppiert bleiben. Wer diese Zusammenhänge kennt, kann selbst beurteilen, ob eine angegebene Zeit plausibel ist und in welchen Fällen kleine Unterschiede kein Anlass zur Sorge sind.