Asr-Zeit: Unterschiede zwischen hanafitischer und schafiitischer Berechnung
Die fünf täglichen Gebete sind an konkrete Sonnenstände gebunden. Beim Asr-Gebet besteht jedoch ein bekannter Meinungsunterschied: Nach hanafitischer Auffassung beginnt die Zeit erst, wenn die Länge des Schattens das Doppelte des Objekts erreicht. Die Mehrheit der anderen Rechtsschulen – darunter die Schafiiten, Malikiten und Hanbaliten – legt den Beginn bereits beim einfachen Schatten fest.
Für einen Ort wie Meppen bedeutet das in der Praxis, dass zwei unterschiedliche Asr-Zeiten auftreten können. Im Sommer, wenn die Sonne höher steht, kann die hanafitische Asr-Zeit mehr als eine Stunde später liegen als die schafiitische; im Winter reduziert sich diese Differenz auf wenige Dutzend Minuten. Beide Berechnungen sind islamisch gültig. Wer seinem Madhhab folgen möchte, kann sich an die entsprechende Zeit halten. Gemeinschaften mit Muslimen verschiedener Rechtsschulen einigen sich oft auf die frühere Zeit, um allen eine Teilnahme zu ermöglichen.
Berechnungsmethoden in Deutschland: MWL, Diyanet und IGMG
Hinter jeder Gebetszeiten-Tabelle stehen astronomische Parameter, insbesondere die Sonnentiefe unter dem Horizont bei Fadschr und Ischa. Die drei in Deutschland am häufigsten genutzten Methoden wählen unterschiedliche Winkel:
- Muslim World League (MWL): 18° für Fadschr, 17° für Ischa. International verbreitet und in vielen Apps voreingestellt.
- Diyanet: 18° für beide Gebete. Diese Methode wird von der türkischen Religionsbehörde erstellt und von zahlreichen DITIB-Moscheen verwendet.
- IGMG: 12° für Fadschr, 12° für Ischa. Dieser Ansatz entstand speziell für Mitteleuropa, um die langen Dämmerungsphasen im Sommer abzubilden.
Die Wahl des Winkels verschiebt die Gebetszeit je nach Jahreszeit um wenige bis über zwanzig Minuten. Deshalb findet man in verschiedenen Kalendern leicht abweichende Werte, obwohl alle seriös berechnet sind. Wichtig ist, dass innerhalb einer Gemeinde Konsistenz herrscht und die Methode transparent gemacht wird.
Breitengrad 52,7°: Lange Sommertage und die Herausforderung der Dämmerung
Meppen liegt auf 52,7° nördlicher Breite. Diese geografische Lage führt zu sehr langen Tagen im Juni und zu kurzen im Dezember. Entscheidend für die Gebetszeiten sind die Dämmerungsphasen:
- Fadschr: Beginnt, wenn der horizontale Morgenstreif (astronomische Morgendämmerung) erscheint. Je weiter nördlich ein Ort liegt, desto früher beginnt dieses Zwielicht im Sommer – teilweise schon vor 3 Uhr.
- Ischa: Startet, wenn die Abenddämmerung endet und der Horizont vollständig dunkel wird. Im Hochsommer kann diese Bedingung in Meppen erst gegen Mitternacht oder gar nicht mehr ganz eintreten.
Sobald die Sonne in der Nacht nicht tiefer als etwa 12–13° unter den Horizont sinkt, verschwinden die klassischen astronomischen Merkmale. In solchen «weißen Nächten» greifen viele europäischen Gemeinden auf pragmatische Lösungen zurück, zum Beispiel:
- Festlegung eines maximalen Abstands – z. B. 90 Minuten nach Maghrib – als Ischa-Zeit.
- Nutzung der IGMG-Methode mit 12°-Winkeln, die das Ende der Dämmerung früher ansetzt.
- Anwendung proportionaler Berechnungen, die den Nachtverlauf in Zwölftel teilen (1/7-Methode) oder die Hälfte/Nachtdrittel berücksichtigen, etwa durch Orientierung an .
Welche Lösung eine Gemeinde wählt, hängt von lokalen Gegebenheiten, Rechtsschule und Praktikabilität ab. Wichtig ist, dass die Entscheidung gemeinsam getroffen und konsequent umgesetzt wird, um Verwirrung zu vermeiden.