Kurze Abende: Warum Maghrib und Ischa im Winter so nah beieinanderliegen
Neumünster liegt auf etwa 54 ° nördlicher Breite. In dieser geographischen Zone sinkt die Sonne im Winter steil unter den Horizont, und die nautische Dämmerung endet deutlich schneller als weiter südlich. Das hat zwei direkte Folgen:
- Die Zeit von Maghrib (Sonnenuntergang) bis zum Einsetzen der völligen Dunkelheit ist kurz.
- Damit rückt auch Ischa näher an Maghrib heran. An den kürzesten Tagen können zwischen beiden Gebeten weniger als anderthalb Stunden liegen.
Im Sommer passiert das Gegenteil: Die Sonne taucht flacher unter den Horizont, die Dämmerung zieht sich hin, und Ischa beginnt erst spät am Abend oder – bei sehr hohen Breitengraden – in manchen Nächten gar nicht mehr nach dem klassischen Kriterium. Für Neumünster wird dann eine proportionale Methode angewendet, bei der Ischa zu einem festen Anteil der Nachtlänge festgelegt wird, zum Beispiel dem letzten der Nacht. Dadurch behält das Gebet einen praktischen Zeitpunkt, auch wenn die astronomische Dunkelheit nicht erreicht wird.
MWL, Diyanet oder IGMG? – Was hinter den gängigen Berechnungsmethoden steckt
Die numerischen Werte für den Sonnenstand bei Fadschr und Ischa – die sogenannten Dämmerungswinkel – unterscheiden sich je nach Methode. Das erklärt, warum die Gebetszeiten in verschiedenen Kalendern leicht variieren.
- MWL (Muslim World League): 18° für Fadschr, 17° für Ischa. International weit verbreitet und oft als Standard in Apps hinterlegt.
- Diyanet: 18° / 17°. Die türkische Religionsbehörde verwendet ähnliche Winkel wie MWL, passt jedoch Mittagszeit und Asr an die lokale Sonnenhöhe in der Türkei an. Für Deutschland bietet Diyanet eigene Tabellen an, die von vielen Gemeinden übernommen werden.
- IGMG: 12° / 12°. Durch die flacheren Winkel verschiebt sich Fadschr etwas später und Ischa etwas früher. Das erleichtert insbesondere in Nordeuropa den Alltag während der langen Sommerdämmerungen.
Alle Methoden berücksichtigen dieselben astronomischen Grundlagen – Datum, geografische Koordinaten (54,07° N, 9,98° O) und Zeitzone (Europe/Berlin). Der Unterschied liegt lediglich im gewählten Kriterium für den Beginn der religiösen Dämmerung. Welcher Ansatz in der eigenen Gemeinde bevorzugt wird, hängt meist von der Zugehörigkeit zur jeweiligen Dachorganisation ab.
Asr nach zwei Mazhabs: Schattenlänge eins oder zwei
Die Zeit für Asr beginnt mit einer bestimmten Schattenlänge, gemessen am eigenen Körper oder an einem senkrechten Stab:
- Schaafiitisch, malikitisch, hanbalitisch: Asr startet, wenn der Schatten eines Objekts seine eigene Länge erreicht (zusätzlich zum Mittagsgrundschatten).
- Hanafitisch: Der Beginn wird erst angenommen, wenn der Schatten doppelt so lang ist.
In Norddeutschland bevorzugen viele Gemeinden den hanafitischen Zeitpunkt, weil ein Großteil der hiesigen Muslime türkischer oder südasiatischer Herkunft ist. Andere Moscheen halten sich an den schaafiitischen Wert. Auf dieser Seite sind deshalb beide Zeiten abrufbar, damit jede Person den für sie relevanten Zeitpunkt schnell findet.
Unabhängig vom Mazhab ändert sich das Asr-Fenster täglich, weil sich der Sonnenhöchststand (zuhr) mit der Jahreszeit verschiebt. Rund um die Sommersonnenwende erreicht Asr seinen spätesten Tageszeitpunkt, im Dezember seinen frühesten.