Berechnungsmethoden: MWL, Diyanet und IGMG im Vergleich
Die Uhrzeiten der fünf täglichen Gebete werden nicht willkürlich festgelegt, sondern auf Basis von Sonnenstand und astronomischen Winkeln berechnet. In Deutschland sind drei Methoden besonders verbreitet:
- MWL (Muslim World League): verwendet –18° für Fadschr und Ischa. Diese relativ tiefen Winkel führen zu früheren Morgendämmerungs- und späteren Abendzeiten.
- Diyanet (Präsidium für Religionsangelegenheiten der Türkei): setzt –18° für Fadschr, aber –17° für Ischa an. Damit rückt das Nachtgebet bei langen Sommertagen etwas näher an Maghrib heran.
- IGMG (Islamische Gemeinschaft Millî Görüş): kombiniert –15° für Fadschr mit –16° für Ischa und gleicht örtliche Beobachtungen in Europa aus. Viele Moscheen in Nordrhein-Westfalen richten sich nach dieser Tabelle.
Alle drei Modelle berücksichtigen Datum, geografische Koordinaten (Neuss ≈ 51,20° N, 6,69° E) sowie die lokale Zeitzone (CET/CEST). Je nach verwendetem Winkel kann die Differenz zwischen zwei Tabellen morgens oder abends 10–20 Minuten betragen. Schariatisch genügt es, sich für eine konsistente Methode zu entscheiden und nicht täglich zu wechseln.
Die hohe Breite von über 51° bewirkt, dass im Sommer die Sonne sehr spät untergeht und die astronomische Abenddämmerung lange anhält. Dadurch verschiebt sich Ischa tief in die Nacht, während im Winter Fadschr erst relativ spät einsetzt und das Fasten erleichtert.
Asr-Zeit: schafiitische und hanafitische Berechnung
Das Nachmittagsgebet beginnt, sobald der Schatten eines Objekts seine eigene Länge plus den Mittagsschatten erreicht. Hier unterscheiden sich die Rechtsschulen:
- Schafiitisch, malikitisch, hanbalitisch: Asr beginnt bei einfacher Schattenlänge.
- Hanafitisch: Asr beginnt erst bei doppelter Schattenlänge.
Für Gläubige in Neuss bedeutet das: Die hanafitische Asr-Zeit liegt an den meisten Tagen rund 50–70 Minuten hinter der schafiitischen. Viele Kalender zeigen beide Zeiten an oder wählen, abhängig von der örtlichen Gemeinde, eine Variante aus. Wer sich nicht sicher ist, kann sich an der Praxis der eigenen Moschee orientieren und die gewählte Methode konsequent beibehalten.
Unabhängig vom Madhhab endet die Asr-Zeit mit dem Sonnenuntergang (Maghrib). Deshalb ist es besser, den Gebetszeitraum großzügig zu kalkulieren, um nicht in Zeitdruck zu geraten.
Praktisches Zeitmanagement für kurze Wintertage
In den Wintermonaten liegen Fadschr und Ischa in Neuss relativ weit auseinander, während Zuhr, Asr und Maghrib eng beieinanderfallen. Berufstätige und Studierende können folgende Strategien nutzen:
- Morgengebet zuhause verrichten: Dank der späteren Dämmerung lässt sich Fadschr entspannt vor dem Arbeitsweg beten.
- Zuhr und Asr bündeln: Wer keine Betriebskantine oder Gebetsraum hat, kann Zuhr in der Mittagspause verrichten und Asr kurz vor Feierabend beten. Eine diskrete Gebets-App oder eine Erinnerung auf dem Handy hilft, den Übergang nicht zu verpassen.
- Maghrib unterwegs planen: Im Winter erfolgt Maghrib oft noch vor 17 Uhr. Halten Sie eine Gebetsteppich-Reiseversion bereit oder informieren Sie sich über nahegelegene Moscheen. Dort schließen häufig auch andere Pendler spontan zusammen.
- Ischa nach Hause verschieben: Da Ischa früh beginnt, kann das Nachtgebet in Ruhe zu Hause oder in der Moschee nach dem Abendessen gebetet werden.
Wer Schichtdienst hat, sollte die Erlaubnis zum Zusammenlegen (Jam‘ taqdīm oder Jam‘ ta’ẖīr) mit einer vertrauenswürdigen Gelehrteninstanz besprechen. Diese Option hilft, das Gebetspflichten trotz wechselnder Arbeitszeiten einzuhalten.
Was beeinflusst die täglichen Schwankungen?
Die Erde umrundet die Sonne in einem leicht geneigten Winkel. Dadurch ändern sich Sonnenauf- und ‑untergang täglich geringfügig. Bei der Breite von 51,20° verändern sich die Fadschr- und Ischa-Zeiten im Frühling und Herbst besonders schnell – bis zu zwei Minuten pro Tag. In den Tabellen auf dieser Seite sind diese Variationen bereits für jeden Tag des Juni eingerechnet.
Fadschr, Sonnenaufgang und Maghrib in Beziehung
• Fadschr markiert die zweite Morgendämmerung, wenn ein feiner Lichtstreifen horizontal am Horizont erscheint. Ab diesem Moment beginnt das Fasten und die Zeit für das Morgengebet.
• Sonnenaufgang () beendet das Fadschr-Fenster. Danach darf bis Zuhr nicht gebetet werden, außer in begründeten Ausnahmen.
• Maghrib setzt genau beim Verschwinden der Sonnenscheibe unter den Horizont ein. Das eröffnet auch das Abendessen für Fastende. Ischa beginnt, sobald die rötliche Dämmerung vollständig verschwunden ist.
Durch diesen klaren Zusammenhang lässt sich jede Gebetszeit auf einen sichtbaren Sonnenstand zurückführen – ein Prinzip, das seit der Zeit des Propheten ﷺ unverändert gilt.