Lange Sommertage auf 53,5° nördlicher Breite – was bedeutet das für Fadschr und Ischa?
Nordenham liegt auf 53,486° nördlicher Breite. Je weiter ein Ort vom Äquator entfernt ist, desto flacher verläuft die Sonne in der Dämmerung. In den Wochen um die Sommersonnenwende wird es deshalb kaum richtig dunkel. Die nautische Dämmerung kann bis nach Mitternacht andauern, ehe die astronomische Morgendämmerung gleich wieder einsetzt. Für das Fadschr-Gebet beginnt die Zeit, sobald am Osthorizont das erste schwache Lichtband (al-fadschar as-sādiq) erscheint. Wenn die Nacht sehr kurz ist, rückt dieser Moment deutlich nach vorne. Gleiches gilt für Ischa, dessen Beginn an das Ende der Abenddämmerung gebunden ist. In manchen Nächten verschwindet die rote Dämmerung jedoch gar nicht vollständig; die Zeit für Ischa verschmilzt dann praktisch mit der Mitternacht.
Die meisten europäischen Gebetskalender wählen in solchen Fällen einen rechnerischen Grenzwert: Häufig werden 17° oder 18° Sonnenhöhe unter dem Horizont verwendet. Unterschreitet die tatsächliche Dämmerung im Juni diesen Winkel nicht, wird Ischa auf eine feste Zeit wie z. B. der Nacht gelegt. Auf diese Weise bleibt das Gebet planbar, ohne gegen die klassischen Kriterien zu verstoßen.
Unterschiedliche Asr-Berechnung – hanafitisch oder schafiitisch?
Die Zeit für Asr beginnt, wenn der Schatten eines Gegenstandes seine eigene Länge erreicht – zusätzlich zum Mittagsschatten (zāwilah). Das ist die Meinung der meisten Rechtsschulen, zum Beispiel der Schāfiʿiten, Mālikiten und Ḥanbaliten. Der ḥanafītische Madhhab legt dagegen erst den Zeitpunkt fest, an dem der Schatten das Doppelte seiner Höhe plus den Mittagsschatten misst. In Nordenham kann das im Sommer eine Differenz von rund 50–60 Minuten ausmachen, im Winter sind es eher 20–30 Minuten.
Einige Kalender geben deshalb zwei Spalten für Asr an oder vermerken den Unterschied im Kleingedruckten. Beide Methoden sind islamrechtlich anerkannt; welcher Madhhab man persönlich befolgt, richtet sich nach eigener Überzeugung oder der Praxis der jeweiligen Gemeinde. Wichtig ist, konsequent bei einer Methode zu bleiben, um Verwirrung zu vermeiden.
Kurze Spanne zwischen Maghrib und Ischa im Winter
Während die Sommernächte in Nordenham lang hell bleiben, kehrt sich das Bild im Dezember um: Die Sonne sinkt steil unter den Horizont, und die rote Abenddämmerung verblasst schnell. Zwischen Maghrib und Ischa liegen dann oft nur 60–70 Minuten. Wer nach Feierabend noch unterwegs ist, sollte diese knappe Zeitspanne einkalkulieren, um Ischa nicht zu verpassen.
Gleichzeitig fällt das Fadschr-Gebet spät am Morgen, weil die Sonne erst nach 8 Uhr aufsteigt. Das bietet in den Wintermonaten genügend Raum für Ruhe nach Ischa und erleichtert das nächtliche Qiyām oder zusätzliche Bittgebete.
Die Beispiele zeigen, wie stark sich der Sonnenstand im Laufe des Jahres ändert. Schon ein Blick auf den monatlichen Kalender für Mai genügt, um zu sehen, dass sich die tägliche Verschiebung der Gebetszeiten beschleunigt, je näher ein Monat der Tag- und Nachtgleiche kommt.