Längengrad – warum der Sonnenuntergang in Oelde ein paar Minuten früher liegt
Oelde befindet sich auf einem Längengrad von etwa 8,15° Ost. Das wirkt unscheinbar, ist aber der Grund dafür, dass der Sonnenuntergang hier im Vergleich zu westlicher gelegenen Städten wie Duisburg oder Köln einige Minuten früher eintritt. Pro Grad Längendifferenz verschiebt sich der wahre Sonnenuntergang um rund vier Minuten. Schon die 70 Kilometer Distanz zwischen Oelde und Dortmund reichen also aus, um den Beginn von Maghrib um knapp zwei Minuten auseinanderzuziehen. Für die Gebetszeiten bedeutet das: Selbst wenn zwei Orte denselben Berechnungs-Algorithmus verwenden, unterscheiden sich die Resultate wegen der Erdkrümmung zwangsläufig. Die Angabe des exakten Längen- und Breitengrades in den Rechenformeln ist deshalb unverzichtbar, damit Maghrib wirklich dann beginnt, wenn die Sonnenscheibe hier in Oelde unter den Horizont sinkt.
MWL, Diyanet oder IGMG – welche Methode passt zu mir?
In Deutschland werden vor allem drei Berechnungsmethoden genutzt:
- MWL (Muslim World League) – setzt für Fadschr und Ischa einen Sonnenstand von 18° unter dem Horizont an. Dieses konservative Modell bildet in vielen internationalen Apps den Standard.
- Diyanet – die türkische Religionsbehörde arbeitet mit 18° für Fadschr und 17° für Ischa. Viele DITIB-Gemeinden in NRW orientieren sich daran.
- IGMG – verwendet 12° für Fadschr und 12° für Ischa. Diese flacheren Winkel verkürzen die Zeitspanne zwischen Sonnenuntergang und Ischa, was insbesondere im Sommer in höheren Breiten praktikabler sein kann.
Die Differenz von nur wenigen Grad führt jedoch schnell zu Abweichungen von 15 Minuten oder mehr. Hinzu kommt die Frage, nach welchem madhhab man den Zeitpunkt von Asr berechnet. Die hanafitische Schule wartet, bis der Schatten eines Gegenstands doppelt so lang wie das Objekt selbst ist, während die anderen drei Rechtsschulen schon beim einfachen Schatten das Gebet beginnen lassen. In den gängigen Kalendern kann daher eine zweite Asr-Spalte auftauchen. Beide Zeiten sind schariatisch korrekt; entscheidend ist, sich konsequent an eine der Varianten zu halten.
Ein praktischer Kompromiss, der sich in Deutschland verbreitet hat, ist die Kombination: Fadschr und Ischa nach MWL oder Diyanet, Asr jedoch in der hanafitischen Auslegung. Viele Gemeinden veröffentlichen zusätzlich Orientierungspunkte für die Nacht, zum Beispiel die Mitte der Nacht , falls Ischa im Sommer schwer bestimmbar ist.
51,83° N – was die Breitengradlage für Fadschr und Ischa bedeutet
Oelde liegt knapp oberhalb des 51. Breitengrades. Damit gehört die Stadt zwar nicht zur Zone der „weißen Nächte“ wie Hamburg, aber die Dämmerungsphasen dehnen sich im Juni deutlich aus. In der Zeit um die Sommersonnenwende verschwindet die Sonne nur flach unter dem Horizont; die astronomische Dämmerung endet erst spät nach Mitternacht. Das hat drei Folgen:
- Sehr früher Fadschr: Schon gegen 03:00 Uhr kann die nautische Dämmerung beginnen. Wer vor der Arbeit beten will, sollte also eher den Wecker stellen.
- Verspätetes Ischa: Bei einem 18-Grad-Kriterium verschiebt sich das Nachtgebet im Juni bis nach 23:00 Uhr. Manche Muslime greifen deshalb im Sommer auf das 12-Grad-Kriterium oder auf den Halbnacht-Ansatz (nisf-allail) zurück.
- Kürzere Nächte: Zwischen Fadschr und Ischa bleiben kaum fünf Stunden, sodass der Spielraum für zusätzlichen Nacht-ibada klein wird. Wer Qiyâm oder Tahadschud beten möchte, findet mit dem Drittel-oder Halbnacht-Zeitpunkt zusätzliche Orientierung.
Im Winter kehrt sich das Bild um: Die Sonne verschwindet tiefer unter den Horizont, Fadschr rückt nach 06:30 Uhr, Ischa schon vor 18:00 Uhr. Das verdeutlicht, warum die Gebetszeiten jeden Tag um einige Minuten schwanken – die scheinbare Sonnenbahn variiert, und das besonders stark auf Breiten jenseits von 50° Nord.
Unabhängig von Methode oder Saison gilt: Der Eintritt einer Gebetszeit ist ein Fenster, kein Sekundenstartschuss. Wer innerhalb dieses Fensters betet und dabei einen seriös berechneten Kalender nutzt, erfüllt seine Pflicht ohne Zweifel.