Die Gebetszeiten in Pfungstadt orientieren sich ausschliesslich an der tatsächlichen Stellung der Sonne über dem Horizont. Berechnet wird dabei die Sonne-Scheitelposition (Höhenwinkel) für jeden Tag neu. Das Ergebnis sind Minutenangaben, die direkt aus astronomischen Formeln abgeleitet und anschliessend mit den Vorgaben des islamischen Rechts in Einklang gebracht werden. Im Folgenden findest du die wichtigsten Hintergründe, damit du einschätzen kannst, warum es mehrere Kalender gibt und wie du sie richtig liest.
1. Rechenmethoden: MWL, Diyanet und IGMG im Vergleich
In Deutschland sind vor allem drei Kalkulationssätze verbreitet:
- MWL (Muslim World League) – weltweit häufig genutzt; Fadschr-Winkel 18°, Ischa-Winkel 17°.
- Diyanet (Türkische Religionsbehörde) – bevorzugt von vielen türkischen Gemeinden; Fadschr 18°, Ischa 17°, berücksichtigt jedoch eine atmosphärische Korrektur von –5 Minuten.
- IGMG (Islamische Gemeinschaft Millî Görüş) – verwendet 14° für Fadschr und Ischa und zusätzlich Bruchteile der Nacht in hohen Breiten.
Der entscheidende Unterschied liegt im Sonnenwinkel unter dem Horizont, bei dem die Morgendämmerung (Fadschr) bzw. die Abenddämmerung (Ischa) angesetzt wird. Ein grösserer Winkel bedeutet ein früheres Fadschr und ein späteres Ischa. Für Pfungstadt ergeben sich dadurch Abweichungen von bis zu 15 Minuten zwischen den Kalendern. Alle Methoden sind islamisch legitim, solange ihre Parameter offengelegt sind; wer regelmässig mit einer bestimmten Gemeinde betet, folgt am besten deren etablierter Berechnung.
2. Asr-Zeit: Unterschied zwischen schafiitischer und hanafitischer Berechnung
Die Sharia definiert den Beginn von Asr anhand des Schattens eines Objekts:
- Schafiitische, malikitische und hanbalitische Schulen: Asr beginnt, wenn die Schattenlänge des Objekts genau so lang ist wie das Objekt selbst (zusätzlich zum Mittags-Schatten).
- Hanafitische Schule: Asr beginnt erst, wenn die Schattenlänge doppelt so lang ist wie das Objekt.
In Pfungstadt führt das – je nach Jahreszeit – zu einer Differenz von etwa 30 bis 60 Minuten. Viele Kalender in Deutschland zeigen beide Zeiten an, häufig mit den Bezeichnungen „Asr (Schafi)“ und „Asr (Hanafi)“. Welcher Meinung man folgt, richtet sich nach dem eigenen Madhhab oder dem Vorbild der örtlichen Gemeinschaft. Wichtig ist, eine Linie konsequent einzuhalten, um Verwirrung zu vermeiden.
3. Geographische Besonderheiten Pfungstadts und ihr Einfluss
Pfungstadt liegt auf 49,8° nördlicher Breite und 8,6° östlicher Länge. Daraus ergeben sich drei praktische Effekte:
- Lange Sommerabende: Je näher ein Ort dem 50. Breitengrad kommt, desto langsamer verschwindet die Sonne unter dem Horizont. Gegen Ende Juni kann die bürgerliche Dämmerung über zwei Stunden dauern. Das verschiebt Ischa, manchmal bis nach 23 Uhr, während Fadschr schon etwa vier Stunden später beginnt.
- Kurze Wintertage: Im Dezember steht die Sonne mittags flacher, wodurch die Distanz zwischen Fadschr und nur rund 90 Minuten betragen kann. Gleichzeitig rückt Maghrib bereits in den späten Nachmittag.
- Längendifferenz zum Mitteleuropäischen Nullmeridian (15° O): Da Pfungstadt 6,4° weiter westlich liegt, erreicht die Sonne ihren Höchststand etwa 25 Minuten später als am theoretischen „Mitteleuropäischen Mittag“. Daher fällt Zuhr in Pfungstadt spürbar später aus als in Städten im Osten Bayerns.
Für Gläubige bedeutet das: Die im Kalender angegebenen Zeiten passen sich exakt diesen örtlichen Gegebenheiten an; schon wenige Kilometer Versatz können die Berechnung verändern.