Warum mehrere Rechenmethoden (MWL, Diyanet, IGMG) im Umlauf sind
In Deutschland kursieren vor allem drei Rechenmethoden: die Muslim World League (MWL), die Diyanet-Methode des türkischen Präsidiums für Religionsangelegenheiten und der von der IGMG empfohlene Ansatz. Alle drei basieren auf denselben astronomischen Eckdaten – Sonnenstand, Datum, Koordinaten und Zeitzone –, unterscheiden sich jedoch bei den sogenannten Sonnendepressionswinkeln für Fadschr und Ischa:
- MWL: 18° für Fadschr, 17° für Ischa
- Diyanet: 18° für beide Gebete
- IGMG: 12° für Fadschr, 12° für Ischa
Ein kleiner Unterschied von nur einem Grad bedeutet am 49. Breitengrad schnell mehrere Minuten Abweichung. Gemeinden in Deutschland orientieren sich häufig an Diyanet oder IGMG, weil ihre nationalen Verbände dadurch einheitliche Zeiten veröffentlichen können. Internationale Apps setzen dagegen oft auf MWL, da diese Methode einen weltweiten Standard abbilden soll. Keine der Varianten ist in der Scharia exklusiv vorgeschrieben; erlaubt ist, diejenige zu wählen, die in der eigenen Moschee oder Familie akzeptiert ist.
So entstehen die Zeiten konkret
Die Berechnung verwendet vier unveränderliche Größen:
- Datum – Tag im gregorianischen Kalender.
- Geografische Lage – für Püttlingen: 49,2855° N, 6,8872° O.
- Zeitzone – ganzjährig Europe/Berlin, im Sommer mit MESZ.
- Sonnenstand – der mathematisch ermittelte Augenblick, in dem die Sonne einen festgelegten Winkel unter oder über dem Horizont erreicht.
Die Software errechnet aus diesen Werten die wahre Ortszeit, passt sie an die amtliche Uhrzeit an und rundet auf die volle Minute. Deshalb können zwei seriöse Quellen dennoch leicht differieren, wenn sie einen anderen Winkel, ein anderes Höhenmodell oder eine andere Rundungsregel verwenden.
Winter in Püttlingen: Nur wenig Zeit zwischen Maghrib und Ischa
Am 49. nördlichen Breitengrad wird der Tag im Dezember deutlich kürzer als im Juni. Die Sonne taucht abends steiler unter den Horizont, sodass die bürgerliche, nautische und astronomische Dämmerung rasch aufeinanderfolgen. In Püttlingen schrumpft die Spanne zwischen Maghrib und Ischa daher im tiefen Winter auf kaum mehr als eine Stunde. Wer nach Feierabend betet, sollte diese enge Zeitfenster beachten, um Ischa nicht zu verspäten.
Im Sommer kehrt sich das Verhältnis um: Die Sonne verschwindet flacher, die Dämmerung zieht sich in die Länge und verschiebt Ischa nach hinten. Dennoch bleibt der Unterschied innerhalb Europas moderat im Vergleich zu Skandinavien, weil die geographische Breite noch unter der kritischen 48-Grad-Grenze liegt, bei der die Nacht an manchen Tagen gar nicht vollständig dunkel wird.
Fadschr und die astronomische Morgendämmerung
Fadschr beginnt, wenn der erste horizontale Lichtstreifen (wahyit al-sidsch) am Osthimmel erscheint. Astronomisch entspricht das ungefähr dem Moment, in dem die Sonne 18° (manche Methoden: 15° oder 12°) unter dem Horizont steht. An diesem Punkt wird das gestreute Sonnenlicht stark genug, um den Himmel aufzuhellen. Die Phase endet mit , dem Sonnenaufgang; ab dann ist das Gebet ungültig, bis die Sonne ihren Vormittagshöchststand (Meridian) unterschritten hat und Zuhr eintritt.
Die Wahl des Winkels ist eine pragmatische Entscheidung: Größere Winkel bedeuten einen früheren Fadschr und eine spätere Ischa; kleinere Winkel verschieben beide Termine nach hinten. In südlichen Ländern mit kurzer Dämmerung fällt der Unterschied kaum ins Gewicht, in Mitteleuropa jedoch schon. Aus diesem Grund führte die IGMG ihren 12°-Standard ein, um extrem frühe Fadschr-Zeiten in den Sommermonaten zu vermeiden.
Die Länge der Nacht beeinflusst neben Fadschr auch empfohlene freiwillige Gebete. Die Mitte der Nacht () und das letzte Drittel () lassen sich direkt aus Maghrib und Fadschr ableiten. Wer das Tahadschjud pflegt, findet so eine zuverlässige Orientierung.