Warum es mehrere Berechnungsmethoden gibt – MWL, Diyanet und IGMG
In Deutschland kursieren vor allem drei Gebetskalender: der Muslim World League-Standard (MWL), die türkische Religionsbehörde Diyanet und die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). Alle drei stützen sich auf dieselben astronomischen Grundlagen, unterscheiden sich jedoch bei den gewählten Dämmerungsgraden für Fadschr und Ischa sowie bei der Definition des Asr-Zeitpunkts.
- MWL verwendet meist –18° für Fadschr und –17° für Ischa. Dieser Ansatz gilt als „klassisch“ und wird in vielen internationalen Apps wiedergegeben.
- Diyanet setzt ebenfalls –18°/–17°, verbindet die Berechnung aber mit einer tabellarischen Korrektur je nach Höhe über dem Meeresspiegel.
- IGMG wählt –12°/–12°. Dadurch rücken Fadschr und Ischa deutlich näher an Sonnenauf- und ‑untergang heran, was in hohen Breiten praktische Vorteile haben kann.
Für das Nachmittagsgebet Asr existieren zwei anerkannte fiqh-Varianten: Die hanafitische Schule nimmt eine Schattenlänge des Doppelten des Objekts, die schafiitische (sowie malikitische und hanbalitische) eine einfache Schattenlänge. Der Zeitunterschied in Rastatt liegt – je nach Jahreszeit – zwischen 30 und 60 Minuten. Beide Auffassungen sind legitim; welcher Ansatz bevorzugt wird, richtet sich nach eigenem Madhhab oder lokaler Gemeindepraxis.
Astronomische Grundlagen: Vom Sonnenstand zur Gebetszeit
Gebetszeiten beruhen nicht auf politischen Zeitzonen, sondern auf der realen Stellung der Sonne über Rastatt (48,85851° N, 8,20965° E). Für jede Pflichtgebetzeit spielt ein klar definierter Sonnenwinkel die Hauptrolle:
- Fadschr – Beginn der Morgendämmerung, wenn der Sonnenmittelpunkt 18° (bzw. 12°) unter dem Horizont steht.
- Sonnenaufgang / Schuruq – die obere Sonnenscheibe berührt den Horizont; Gebet ist jetzt nicht erlaubt.
- Zuhr – Sonnenhöchststand (lokaler Mittag), sobald der Schatten eines Stabes wieder nach Osten zeigt.
- Asr – Schattenlänge erreicht das Ein- bzw. Zweifache des Stabes, je nach Madhhab.
- Maghrib – Moment des tatsächlichen Sonnenuntergangs; mit dem Verschwindens des letzten Sonnenrandes beginnt die neue islamische Nacht.
- Ischa – Ende der bürgerlichen und nautischen Dämmerung; astronomisch, wenn kein Restrot am westlichen Horizont mehr sichtbar ist.
Die täglichen Tabellen verknüpfen diese Winkel mit dem aktuellen Datum, der geografischen Lage und dem Zeitzonen-Offset (UTC + 1 oder + 2 im Sommer). Dadurch verschieben sich die Zeiten von Tag zu Tag und gleichen sich erst nach einem vollen Sonnenjahr wieder.
Einfluss der Breite von 48,9° N auf Sommernächte und Ischa
Rastatt liegt knapp unter dem 49. Breitengrad. Im Juni wird es hier nur für kurze Zeit wirklich dunkel: Die Sonne sinkt kaum tiefer als 14–16° unter den Horizont. Bei einem klassischen –18°-Kriterium würde sich die Ischa-Zeit sehr weit nach hinten verschieben oder rechnerisch ganz entfallen. Dafür gibt es drei verbreitete Lösungen:
- Reduzierter Winkel – wie im IGMG-Kalender; Ischa wird bereits bei –12° angesetzt.
- Fixe Zeitzuschläge – Diyanet addiert eine festgelegte Minutenanzahl nach Maghrib.
- Proportionsmethode – die Mitte () oder das letzte Drittel () der Nacht als spätester Zeitpunkt. Diese Lösung empfiehlt sich, wenn astronomische Dämmerung nicht erreicht wird.
Ein ähnliches Phänomen betrifft das Fadschr-Gebet: In hellen Sommernächten taucht die Morgendämmerung sehr früh auf. Wer beruflich oder gesundheitlich gebunden ist, nutzt daher häufig Kalender mit reduzierten Winkeln oder die Proportionsregel, bleibt aber stets innerhalb des von den Gelehrten abgesteckten Rahmens.
Im Winter kehrt sich die Situation um: Die Sonne steht maximal tief, die Nacht ist lang, und Ischa kann schon gegen 18 Uhr liegen, während Fadschr erst nach 6 Uhr einsetzt. Der Jahreslauf macht also deutlicher als jede Tabelle, dass Allah die Zeiten „beweglich“ gesetzt hat, damit der Tagesrhythmus der Menschen mitschwingt.