Berechnungsverfahren im Überblick: MWL, Diyanet und IGMG
Die fünf täglichen Gebete richten sich nach dem Stand der Sonne. Sobald jedoch physische Beobachtungen unzuverlässig werden – etwa wegen dicht bebauter Städte oder langer Dämmerungsphasen – greift man auf Tabellen zurück, die anhand astronomischer Formeln erstellt werden. In Deutschland dominieren drei Verfahren:
- MWL (Muslim World League): nutzt 18° für Fadschr und 17° für Ischa. Die Methode wird weltweit häufig eingesetzt und liefert relativ frühe Morgendämmerungs- und späte Nachtzeiten.
- Diyanet: basiert auf Berechnungen des türkischen Präsidiums für Religionsangelegenheiten. Fadschr wird ebenfalls mit 18°, Ischa jedoch mit 17° angesetzt. Dadurch liegt Ischa wenige Minuten früher als bei MWL.
- IGMG: wählt 12° für beide Gebete. Dieser Ansatz berücksichtigt die praktische Erfahrung in Mitteleuropa, dass die astronomische Dämmerung hier häufig früher endet als rechnerisch erwartet. Das Ergebnis sind spätere Fadschr- und deutlich frühere Ischa-Zeitpunkte.
Alle drei Verfahren akzeptieren die vier Rechtsschulen, sie gewichten jedoch die Fadschr— und Ischa-Winkel unterschiedlich. Für Ratingen (Breite 51,3°N) bedeutet das:
- Im Sommer können MWL-Tabellen Fadschr bis zu 40 Minuten eher aufführen als IGMG.
- Im Winter nähert sich der Unterschied meist auf unter 10 Minuten an, weil die Sonne steiler auf- und untergeht.
Für das Asr-Gebet gibt es zusätzlich zwei Varianten, die nichts mit den o. g. Verfahren, sondern mit den Rechtsschulen zu tun haben:
- Schāfiʿī-, Mālikī-, Hanbalī-Meinung: Asr beginnt, wenn der Schatten eines Objekts seine ursprüngliche Länge erreicht.
- Hanafī-Meinung: Asr beginnt bei der doppelten Schattenlänge. Das verschiebt den Beginn um rund 35–60 Minuten nach hinten.
Beim Vergleich verschiedener Webseiten sind daher zwei Punkte ausschlaggebend: Welches Berechnungsverfahren wird verwendet und welcher Asr-Standard ist voreingestellt.
Schuruq verstehen: warum Fadschr davor enden muss
Schuruq bezeichnet den Moment, in dem die obere Sonnenscheibe die Horizontlinie durchbricht. Ab diesem Zeitpunkt ist die Zeit für das Fadschr-Gebet vorbei. Der Prophet ﷺ warnte ausdrücklich davor, Fadschr bis zum Sonnenaufgang aufzuschieben. Deshalb sollte das Gebet vollendet sein, bevor erreicht ist.
Das Fenster für Fadschr beginnt mit dem wahren Morgengrauen (arab. al-fadschr as-ṣādiq) und dauert in Ratingen je nach Jahreszeit zwischen 70 und 130 Minuten. Auf 51° Nord wird der Horizont im Hochsommer sehr früh hell, während im Dezember die Morgendämmerung erst kurz vor Arbeitsbeginn endet.
Wo ordnen sich die übrigen Gebete ein?
- Zuhr: Wenn die Sonne ihren Höchststand überschritten hat.
- Asr: Erster oder zweiter Schattensprung, je nach Rechtsschule.
- Maghrib: Sofort nach Sonnenuntergang; hier gibt es keine Zeitspanne wie bei den anderen Gebeten.
- Ischa: Beginn mit dem Verschwinden der roten Dämmerung. Der genaue Zeitpunkt hängt – wie oben erklärt – vom gewählten Verfahren ab.
Wer sich unsicher ist, ob die Zeit für Fadschr oder Ischa bereits begonnen hat, sollte auf den seriösen Tabellenwert zurückgreifen und eine kleine Sicherheitsmarge (z. B. 2–3 Minuten) einkalkulieren.
Kurzes Zeitfenster zwischen Maghrib und Ischa im Winter
Auf 51,3° Breite erlebt Ratingen im Dezember nur rund acht Stunden Tageslicht. Die Sonne taucht bereits gegen 16 Uhr unter den Horizont, während die rote Dämmerung rasch verblasst. Folge: Zwischen Maghrib und Ischa bleiben häufig kaum 60 Minuten. Wer nach der Arbeit nach Hause kommt, sollte daher möglichst direkt Maghrib verrichten, um nicht in Konflikt mit der Ischa-Zeit zu geraten.
Im Juni dagegen verschieben sich die Zeiten: Sonnenuntergang erst nach 21 Uhr, Ischa teilweise erst nach 23 Uhr. Hier ist das Zeitfenster zwischen beiden Gebeten über zwei Stunden lang, zugleich rückt Fadschr extrem früh in die Nacht hinein. Diese großen Unterschiede erklärt, warum muslimische Kalender für jeden Tag neue Werte ausweisen.
Zusammengefasst gilt:
- Je weiter nördlich der Standort, desto stärker schwanken die Längen der Dämmerungsphasen.
- Die Winterdämmerung endet schneller, daher kurze Spanne zwischen Maghrib und Ischa.
- Im Sommer dauert die nautische Dämmerung länger, was Ischa hinausschiebt und die Nacht verkürzt.
Indem man das lokale Muster kennt, lässt sich der Tagesablauf – Schule, Arbeit, Familie – besser mit den Gebetszeiten vereinbaren.