Geographische Breite 54,3° N – lange Sommertage und späte Nachtgebete
Rendsburg liegt deutlich nördlich der Alpen und sogar nördlicher als die meisten Großstädte Deutschlands. Je höher die Breite, desto flacher verläuft die Sonnenbahn über dem Horizont. Das hat zwei direkte Folgen für den Gebetskalender:
- Sehr frühes Fadschr im Juni / Juli: Die Morgendämmerung setzt schon deutlich vor 04:00 Uhr ein, weil die Sonne in einem flachen Winkel unter den Horizont sinkt. Wer vor der Arbeit beten möchte, muss deshalb früher aufstehen als Muslime im Süden des Landes.
- Spätes Ischa in hellen Nächten: Nach Sonnenuntergang bleibt es lange dämmrig. Die astronomische Dämmerung endet an langen Sommertagen erst nach 23:00 Uhr, zum Teil noch später. Bei manchen Berechnungsmethoden kann Ischa daher erst kurz vor Mitternacht liegen.
Andere Breitengrade kennen dieses Problem nicht in gleicher Schärfe. In Gegenden oberhalb von 60° N verschwinden die «roten» und «weißen» Dämmerungen im Sommer sogar ganz. In Rendsburg bleibt der rote Dämmerungsgürtel zwar sichtbar, ist aber so lang, dass manche Muslime nach Erleichterungsregeln beten. Häufig wird dann die Mitternachts- oder Ein-Drittel-Methode angewendet, deren Zeiten du bei Bedarf mit beziehungsweise abrufen kannst.
Längengrad 9,66° E – kleine Verschiebungen mit praktischer Wirkung
Der Längengrad entscheidet darüber, wann die Sonne ihren Höchststand (wahres Mittag) erreicht. Pro Grad Ost- oder Westabweichung verschiebt sich der Zuhr-Zeitpunkt um rund vier Minuten. Rendsburg liegt etwa 0,5 ° westlicher als Kiel und 0,6 ° östlicher als Hamburg. Deshalb:
- beginnt Zuhr hier ungefähr zwei Minuten nach Kiel,
- aber rund zweieinhalb Minuten vor Hamburg.
Diese Differenz ist gering, erklärt aber, warum selbst benachbarte Städte nicht dieselbe Tabelle nutzen können. Gleiches gilt für Sonnenuntergang und damit für Maghrib: Wer von Rendsburg nach Itzehoe fährt, betritt einen anderen Längengrad und betet Maghrib ein bis zwei Minuten früher.
MWL, Diyanet und IGMG – warum mehrere Rechenmethoden kursieren
In Deutschland sind drei Algorithmen besonders verbreitet. Alle beruhen auf der Sonnenposition, unterscheiden sich aber in den zugrunde liegenden Zwielicht-Winkeln und in der Behandlung hoher Breiten.
Winkel für Fadschr und Ischa
| Organisation | Fadschr-Winkel | Ischa-Winkel |
|---|---|---|
| MWL | 18° | 17° |
| Diyanet | 18° | 17° |
| IGMG | 15° | 15° |
Ein kleinerer Winkel bedeutet, dass der Beginn der Dämmerung (und damit Fadschr bzw. Ischa) etwas später angesetzt wird. Dadurch kann sich zwischen zwei Tabellen ein Unterschied von fünf bis zehn Minuten ergeben.
Behandlung langer Sommernächte
- MWL verkürzt bei hohen Breiten die Nacht künstlich, indem es die Zeitspanne zwischen Maghrib und Fadschr in Siebenteile aufteilt und Ischa bzw. Fadschr an bestimmte Teile knüpft.
- Diyanet setzt Zusatzregeln nach 45° N ein und orientiert sich an Istanbul als Referenz, was in Norddeutschland gelegentlich zu sehr späten Ischa-Zeiten führt.
- IGMG wendet grundsätzlich reduzierte Winkel (15°) an und wählt für Breiten über 48° den Ein-Siebtel-Ansatz, also eine pragmatische Verkürzung der Nacht.
Für das Asr-Gebet spielen diese Winkel keine Rolle. Hier ist die Frage entscheidend, ob man die Schafiʿi-/Maliki-/Hanbali-Berechnung (Schattenlänge = 1× Objekt) oder die hanafitische Berechnung (Schattenlänge = 2× Objekt) verwendet. Viele deutsche Tabellen bieten deshalb eine zweite Spalte (Asr Hanafi), damit beide Auffassungen berücksichtigt werden können.