Gebetszeiten in Deutschland: MWL, Diyanet und IGMG im Vergleich
Die fünf täglichen Gebete werden heute fast überall mittels astronomischer Berechnungen festgelegt. In Deutschland haben sich drei Methoden etabliert, deren Ergebnisse sich um wenige bis manchmal zweistellige Minutenbeträge unterscheiden können.
- MWL (Muslim World League): 18° für Fadschr, 17° für Ischa. Diese Einstellungen nutzen viele internationale Apps und elektronische Uhren.
- Diyanet (Türkische Religionsbehörde): 18° für Fadschr, 17° für Ischa, Berechnung nach der lokalen Sonnenhöhe sowie einer atmosphärischen Refraktion von 34′. In Städten mit größerer türkischer Gemeinde wie auch in Riesa orientieren sich DITIB-Gemeinden meistens an dieser Variante.
- IGMG (Islamische Gemeinschaft Millî Görüş): 12° / 12°. Die flacheren Winkel verschieben Fadschr nach hinten und Ischa nach vorn. Das ist vor allem im Sommer praktisch, wenn die Nacht sehr kurz ist.
Welche Methode „richtig» ist, lässt sich nicht absolut festlegen. Alle drei fußen auf anerkannten Rechtsgutachten (Fatwas). Entscheidend ist, dass eine Gemeinde einheitlich handelt und Gläubige sich bewusst für einen Standard entscheiden. Auf dieser Seite wird das international verbreitete MWL-Modell dargestellt, weil es eine neutrale Vergleichsbasis bietet.
Asr nach zwei Rechtsschulen: schafiitischer vs. hanafitischer Ansatz
Die Zeit für Asr beginnt laut Überlieferung, wenn der Schatten eines Gegenstands eine bestimmte Länge erreicht. Die vier sunnitischen Rechtsschulen werten diesen Hadith jedoch unterschiedlich:
- Schafiiten, Malikiten, Hanbaliten: Asr beginnt, sobald der Schatten die Länge des Gegenstands erreicht (1 × Schattenlänge).
- Hanafiten: Asr beginnt erst, wenn der Schatten doppelt so lang ist (2 × Schattenlänge).
Da in Deutschland viele Muslime türkischer und bosnischer Herkunft hanafitischen Traditionen folgen, finden sich in manchen Kalendern zwei Asr-Spalten. Im Raum Riesa kann der Unterschied zwischen beiden Berechnungen je nach Jahreszeit rund 45 bis 90 Minuten betragen. Wer in einer hanafitischen Gemeinde betet, sollte daher das spätere Zeitfenster wählen. Für individuelle Nawafil (freiwillige Gebete) kann man sich am früheren, schafiitischen Beginn orientieren.
Astronomische Dämmerung über 51° Nord: Wie Fadschr ermittelt wird
Riesa liegt auf 51,3° nördlicher Breite. Damit gehört die Stadt schon zur höheren Mittelbreite, in der die Dauer der Dämmerung stark variiert:
- Lange Sommertage: Zwischen Ende Mai und Mitte Juli sinkt die Sonne nachts nur flach unter den Horizont. Die astronomische Morgendämmerung (−18° Sonnenhöhe) setzt sehr früh ein, wodurch Fadschr deutlich vor 03:00 Uhr liegen kann. Ischa rückt gleichzeitig weit nach hinten.
- Kurze Wintertage: Im Dezember steigt die Sonne nur flach auf, sodass der Raum zwischen Fadschr und Sonnenaufgang schmal wird. Trotzdem bleibt das −18°-Kriterium gut anwendbar, anders als in nördlicheren Regionen über 54°, wo die Sonne teilweise gar nicht tief genug sinkt.
Einfach erklärt fällt der Beginn von Fadschr mit dem ersten blassen Lichtstreifen am Osthorizont zusammen, wenn die Sonne etwa 18° unterhalb des Horizonts steht. Von diesem Moment bis bleiben in Riesa derzeit rund 90 Minuten, ein ausreichender Puffer für Gebet und Suhur (Frühstück im Ramadan). Zwischen und sollte man keine Gebete verrichten, da der Prophet ﷺ dies als makruh (unerwünscht) bezeichnete.
Die täglichen Verschiebungen sind rein astronomisch bedingt: Die Erde bewegt sich auf ihrer Bahn, dadurch ändert sich der Sonnenstand jeden Tag etwas – im Sommer schneller, im Winter langsamer. Aus diesem Grund lohnt es sich, das Gebetszeiten-Panel regelmäßig zu prüfen und nicht mit alten Ausdrucktabellen zu arbeiten.