Unterschiedliche Rechenmethoden: MWL, Diyanet und IGMG
In Deutschland werden die Gebetszeiten meist nach drei etablierten Rechenverfahren veröffentlicht: Muslim World League (MWL), die türkische Behörde Diyanet und die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). Alle berücksichtigen dieselben astronomischen Grundlagen, setzen jedoch unterschiedliche Winkel für die Morgendämmerung (Fadschr) und die Abenddämmerung (Ischa) an.
- MWL nutzt in der Regel 18° unter dem Horizont für Fadschr und 17° für Ischa. Damit entstehen relativ frühe Fadschr- und späte Ischa-Zeiten.
- Diyanet rechnet mit 18° für beide Gebete, passt die Werte jedoch an hohe Breiten dynamisch an, um extrem späte Zeiten zu vermeiden.
- IGMG verwendet 15° für Fadschr und 15° für Ischa. Dadurch liegen beide Gebete etwas näher an Sonnenaufgang bzw. Maghrib.
Alle drei Methoden sind in der islamischen Rechtswissenschaft anerkannt. In Rottweil kann der Unterschied zwischen den Tabellen wenige Minuten bis zu einer Viertelstunde betragen. Welche Methode eine Gemeinde bevorzugt, hängt oft von historischer Verbundenheit oder institutioneller Zugehörigkeit ab; religiös gültig sind sie alle, solange sie auf verlässlichen astronomischen Daten beruhen.
Astronomische Grundlagen: Wann beginnt Fadschr wirklich?
Der Qur’an (2:187) macht deutlich, dass das Fasten und das Fadschr-Gebet mit dem „hellen Faden der Morgendämmerung“ beginnen. Astronomisch ist damit die bürgerliche Morgendämmerung noch nicht erreicht; entscheidend ist das astronomische oder nautische Zwielicht, wenn das Sonnenzentrum noch weit unter dem Horizont steht, aber das erste horizontale Lichtband („weißer Faden“) erscheint.
Je größer der gewählte Sonnenwinkel, desto dunkler ist der Himmel bei Beginn des Fadschr. MWL spricht bei 18°, IGMG bei 15°. Dieser Unterschied erklärt, warum zwei Gebetskalender zwar auf denselben Koordinaten (48,17° N, 8,63° O) basieren, aber nicht identische Zeiten ausgeben.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Fadschr und Sonnenaufgang. Erst nach endet der Zeitraum für das Fadschr-Gebet; jede Verzögerung darüber hinaus macht die Gebetszeit ungültig.
Maghrib und Ischa im Jahreslauf: kurze Abstände im Winter
Rottweil liegt knapp über dem 48. Breitengrad. Diese geographische Lage führt zu stark schwankenden Tageslängen: im Juni fast 16, im Dezember kaum 8 Stunden Sonnenlicht. Entsprechend verändern sich die Dämmerungsphasen:
- Sommer: Nach Maghrib bleibt der Himmel lange hell; die Sonne sinkt nur langsam tief genug, damit der astronomische Abenddämmerungswinkel erreicht wird. Ischa fällt daher sehr spät in die Nacht, teilweise erst nach 23 Uhr.
- Winter: Die Sonne taucht steil unter den Horizont. Bereits 60–70 Minuten nach Maghrib ist der erforderliche Winkel erreicht, sodass Ischa deutlich näher am Abendgebet liegt. Wer beruflich oder familiär stark eingebunden ist, erlebt in dieser Jahreszeit besonders kurze Zeitfenster zwischen den beiden Gebeten.
Der Abstand beeinflusst auch das Zwischengebet Asr. Nach hanafitischer Auffassung beginnt Asr, wenn der Schatten eines Objekts das doppelte seiner Höhe erreicht hat; in den übrigen Rechtsschulen genügt das einfache Schattenmaß. In Rottweil verschiebt diese Differenz die Asr-Zeit im Durchschnitt um 30–45 Minuten.