Unterschiede zwischen MWL, Diyanet und IGMG – und warum sie in Deutschland verbreitet sind
Alle drei Organisationen verwenden dieselben astronomischen Grundlagen, legen jedoch unterschiedliche Parameter fest, wenn es um den Beginn von Fadschr und Ischa geht. Die Muslim World League (MWL) setzt den Sonnenstand bei −18° für beide Gebete an, während die türkische Behörde Diyanet −18° für Fadschr, aber nur −17° für Ischa wählt. Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) nutzt −17° beziehungsweise −16°. Diese scheinbar kleinen Abweichungen bewirken, dass Ischa in einer Stadt wie Schwäbisch Gmünd im Sommer nach dem MWL-Schema mehrere Minuten später liegt als nach IGMG.
In Deutschland sind Diyanet und IGMG besonders populär, weil viele Moscheen historisch von türkischen Gastarbeitern gegründet wurden und sich an den Kalendern dieser Institutionen orientieren. MWL wiederum findet Zuspruch bei Gemeinden mit arabischem Hintergrund sowie bei Nutzerinnen und Nutzern von international ausgerichteten Apps. Keine Methode ist „richtiger“ als die andere; sie beruhen auf anerkannten, aber unterschiedlich gewichteten fiqh-Erwägungen zum Thema Morgendämmerung und astronomische Abenddämmerung.
Für den Alltag bedeutet das: Wer seine Gebete möglichst früh verrichten möchte, kann sich an die Methode mit dem höheren Winkel halten. Wer sicherstellen will, dass die Zeit definitiv eingetreten ist, wählt den konservativeren Ansatz mit dem tieferen Winkel. Entscheidend ist, sich konsequent an eine Methode zu halten und nicht täglich zwischen Tabellen zu wechseln.
Einfluss der geografischen Länge auf den Sonnenuntergang in Schwäbisch Gmünd
Schwäbisch Gmünd liegt bei 9,8° östlicher Länge. Bereits eine einzige Längengradminute (≈ 1,85 km) verschiebt den wahren Sonnenuntergang um etwa vier Sekunden. Verglichen mit Stuttgart (9,2° Ost) geht die Sonne hier im Schnitt rund zwei Minuten früher unter, obwohl beide Städte fast denselben Breitengrad teilen. Bei Städten weiter östlich, etwa Ulm (10° Ost), verschiebt sich der Maghrib um weitere zwei Minuten nach vorne.
Für das Gebets-Timing heißt das konkret: Selbst wer nur 30 km weit reist, sollte die lokale Uhrzeit des Sonnenuntergangs neu berücksichtigen. Die Berechnungsprogramme tun dies automatisch, weil sie die exakten Koordinaten in ihre Astronomie-Formeln einbeziehen. Die Differenz mag klein klingen, entscheidet aber darüber, ob das Fasten oder das Maghrib-Gebet exakt im erlaubten Fenster liegt.
Die Breitengradlage von 48,8° bewirkt zudem stark schwankende Tageslängen. Im Juni dauert der lichte Tag fast 16 Stunden, im Dezember kaum 8½ Stunden. Dadurch rücken Fadschr und Ischa im Sommer sehr weit auseinander und konvergieren im Winter fast zur Verdoppelung der Nacht.
Warum sich die Zeitspanne zwischen Maghrib und Ischa im Winter verkürzt
Ischa beginnt, sobald die astronomische Dämmerung vollständig verschwunden ist. Im Winter sinkt die Sonne nach ihrem Untergang steiler unter den Horizont, sodass der 15- bis 18-Grad-Winkel viel schneller erreicht wird. Daraus resultiert, dass in Schwäbisch Gmünd zwischen Dezember und Januar oft weniger als 60 Minuten zwischen Maghrib und Ischa liegen. Wer direkt nach Sonnenuntergang betet und dann zu Hause oder in der Moschee kurz verweilt, kann Ischa danach fast nahtlos anschließen.
Im Hochsommer hingegen bleibt die Sonne lange flach unter dem Horizont. Bei einer Breite von knapp 49° verschwindet die nautische Dämmerung erst sehr spät; Ischa tritt daher teilweise erst nach 23 Uhr ein. In extremen Breiten oberhalb von 48° kann es vorkommen, dass der 18-Grad-Winkel gar nicht erreicht wird. Für Schwäbisch Gmünd ist das zwar selten, doch in klaren Nächten um die Sommersonnenwende werden die Dämmerungswerte manchmal nur hauchdünn erreicht. Islamische Gelehrte empfehlen dann, auf konventionelle Methoden wie „1/2“ oder „1/3“ der Nacht zurückzugreifen. Der Mittelwert für die halbe Nacht liegt heute um .
Der praktischen Planung hilft folgende Faustregel: Je kürzer der Tag, desto kompakter liegen die Gebete beieinander. Das betrifft besonders den Weg von Maghrib zu Ischa und erleichtert es Berufstätigen, beide Gebete vor dem Schlafengehen einzuhalten.
Fadschr, Sonnenaufgang und der Asr-Unterschied zwischen den Madhhabs
Fadschr beginnt mit dem ersten hellen Streifen am Horizont (wahre Morgendämmerung) und endet strikt mit dem Sonnenaufgang. Wer zögert, läuft Gefahr, dass das Gebet in die Makruh-Zeit rutscht. Asr startet, wenn der Schatten eines Objekts seine eigene Länge plus den Mittags-Schatten erreicht (Schafiʿi, Hanbali, Maliki) oder die doppelte Länge (Hanafi). In den Tabellen werden daher oft zwei Asr-Spalten angezeigt. Beide Zeiten sind islamrechtlich gültig, solange man innerhalb „seiner“ Schule bleibt.