Warum es in Deutschland mehrere Rechenmethoden gibt
Anders als in vielen mehrheitlich muslimischen Ländern gibt es in Deutschland keine zentrale Behörde, die verbindliche Gebetszeiten für alle Muslime vorgibt. Deshalb nutzen Gemeinden und Apps verschiedene international anerkannte Rechenmethoden. Die drei am häufigsten verwendeten sind:
- MWL – Muslim World League: 18° für Fadschr, 17° für Ischa. Weltweit verbreitet und oft als Standard in digitalen Kalendern hinterlegt.
- Diyanet: 18°/17°; wird in türkischen Moscheen verwendet, weil das türkische Präsidium für Religionsangelegenheiten denselben Algorithmus publiziert.
- IGMG: 12°/12°; entstand als praktische Lösung für nördliche Breitengrade, um sehr späte Ischa-Zeiten im Sommer zu vermeiden.
Der Unterschied zwischen 18° und 12° klingt gering, verschiebt aber Fadschr und Ischa je nach Jahreszeit um 20–40 Minuten. In Sigmaringen fällt der Abstand besonders in den Sommermonaten auf, wenn die Nacht kurz ist. Daher ist es ratsam, die Methode zu wählen, die auch in der eigenen Moschee oder Community praktiziert wird.
Asr nach zwei Herangehensweisen
Für das Nachmittagsgebet gibt es ein gut bekanntes fiqh-basiertes Unterschied:
- Standard/Schatten × 1 – Schafiʿi, Maliki, Hanbali
- Hanafi/Schatten × 2 – Hanafi
Die Hanafi-Variante verschiebt Asr oft um 20–30 Minuten nach hinten. Da viele türkische und südasiatische Muslime in Deutschland hanafitisch praktizieren, veröffentlichen manche Kalender beide Uhrzeiten oder kennzeichnen die bevorzugte Variante separat.
Sonnenstand und islamische Gebetszeiten
Alle fünf Pflichtgebete sind an konkrete astronomische Ereignisse gebunden:
- Fadschr beginnt mit dem ersten schwachen Morgenlicht, wenn die Sonne ungefähr 18° unter dem Horizont steht.
- Sonnenaufgang (Schuruk) markiert das Ende des Zeitraums für Fadschr; danach darf nicht mehr gebetet werden, bis die Sonne höher steht.
- Zuhr startet, sobald die Sonne den höchsten Punkt (wahre Mittagszeit) überschritten hat.
- Asr beginnt, wenn der Schattentest erfüllt ist (siehe oben).
- Maghrib setzt mit dem Untergang der Sonnenscheibe ein – eine klar sichtbare, praktisch eindeutige Marke.
- Ischa tritt ein, wenn die rote Abenddämmerung vollständig verschwunden ist. Der exakte Moment hängt stark vom gewählten Dämmerungswinkel ab.
Daraus ergibt sich, dass schon kleine Abweichungen bei den Positionsdaten, der Höhenkorrektur für Sigmaringen (rund 600 m ü. NN) oder den Atmosphärenparametern jeden Termin um einige Minuten verändern können. Die Mitte der Nacht () dient vielen Gläubigen als freiwillige Grenze für das Witr-Gebet.
Breitengrad 48 ° N – lange Tage, kurze Nächte
Sigmaringen liegt auf 48,1 ° nördlicher Breite. Damit gehört die Stadt schon zu den Regionen, in denen der Wechsel zwischen Sommer und Winter deutlich spürbar ist:
- Lange Sommertage: Im Juni dauert der lichte Tag bis zu 16 Stunden. Fadschr rückt sehr früh in die Nacht, während Ischa weit nach 23 Uhr fallen kann.
- Kurze Winternächte: Im Dezember schrumpft der Tagesbogen auf etwa acht Stunden, sodass Fadschr vergleichsweise spät und Ischa schon am frühen Abend eintritt.
Ab etwa 48 ° N beginnen die sogenannten weißen Nächte, in denen die astronomische Dämmerung nicht vollständig endet. Für Sigmaringen ist dieses Phänomen an wenigen Tagen rund um die Sommersonnenwende wahrnehmbar. Einige Rechenmethoden, etwa jene der IGMG, begrenzen die maximal zulässige Länge der Dämmerung oder greifen auf proportionale Berechnungen zurück, damit Ischa nicht auf unangemessen späte Stunden fällt. Andere Gemeinden legen einen praxisnahen Cut-off fest, zum Beispiel 90 Minuten nach Maghrib. Wichtig ist, dass jede Entscheidung auf kollektiver Gelehrsamkeit beruhen sollte und nicht auf reinem Komfort.
Wer sicherstellen möchte, dass alle Gebete innerhalb der vorgeschriebenen Zeiten absolviert werden, sollte in den hellen Sommernächten besonders auf die lokale Bekanntmachung achten und gegebenenfalls Rücksprache mit dem Imam oder Vertrauenspersonen halten.