Zwischen Maghrib und Ischa: Warum die Zeitspanne im Winter so kurz ist
In Solingen liegt der Breitengrad bei 51,17° N. Je weiter eine Stadt vom Äquator entfernt ist, desto steiler schneidet die Sonnenbahn die Horizontlinie. Im Winter passiert die Sonne den Horizont daher schneller, und die nautische Dämmerung – das Kriterium für das Ischa-Gebet – endet bereits wenige Minuten nach dem Sonnenuntergang. Das bewirkt, dass zwischen Maghrib und Ischa oft kaum eine Stunde liegt. Viele Betende empfinden das als Herausforderung, weil sie kaum Zeit für das Abendessen oder den Weg zur Moschee haben. Doch diese natürliche Verkürzung ist vollständig im Einklang mit der Sunna: Der Prophet ﷺ pflegte Maghrib unmittelbar nach Sonnenuntergang und Ischa, sobald die Dunkelheit einsetzte, zu verrichten. In unseren Breitengraden überschneiden sich diese beiden Zeitpunkte im Dezember besonders deutlich. Wer seine Gebete trotzdem in Ruhe verrichten möchte, kann die Sunnah-Gebete nach Maghrib kürzen oder zu Hause beten, solange die Zeit noch nicht verstrichen ist.
Berechnungskriterien
- Maghrib beginnt mit dem vollständigen Untergang der Sonnenscheibe ().
- Ischa beginnt, wenn die nautische Dämmerung (Sonnenzentrum 12 ° unter dem Horizont) endet.
- Datum, Längengrad (7,08 ° E) und die Zeitzone Europa/Berlin bestimmen, in welche Uhrzeit diese Sonnenstände fallen.
Abweichungen von wenigen Minuten zwischen verschiedenen Kalendern ergeben sich aus der gewählten Sonnentiefe (12°, 15° oder 18°) und aus Rundungen bei der Umrechnung astronomischer Koordinaten in Ortszeit.
Asr nach zwei Rechtsschulen: Hanafi vs. Schafi‘i im Rheinland
Das Nachmittagsgebet beginnt, sobald der Schatten eines Objekts seine eigene Länge zusätzlich zur Mittagslänge erreicht. Über die Frage, wann genau dieses Kriterium erfüllt ist, herrscht unter den Rechtsschulen (Madhahib) ein bekanntes Differenzurteil:
- Schafi‘i-, Maliki- und Hanbali-Madhhab: Asr tritt ein, sobald der Zusatzschatten die Länge des Objekts erreicht hat (Schattenlänge = 1 × Objekt).
- Hanafi-Madhhab: Hier muss der Zusatzschatten doppelt so lang sein (Schattenlänge = 2 × Objekt).
In Solingen führt diese Differenz im Jahresmittel zu einer Verschiebung von 30–60 Minuten. Im Sommer kann der Unterschied wegen des flachen Sonnenwinkels bis zu 80 Minuten betragen. Beide Methoden sind durch authentische Hadithe gedeckt; entscheidend ist, welcher Schule man folgt. Familien mit Mitgliedern unterschiedlicher Madhahib sollten ihren Alltag so planen, dass jeder sein Gebet in der für ihn gültigen Zeit verrichten kann.
Praktischer Hinweis
Wer sich nach hanafitischer Zeit richtet, aber Gefahr läuft, Asr zu verpassen, darf in der schafiitischen Zeit vorsorglich beten und später wiederholen, falls nötig. Umgekehrt ist es nicht zulässig, Hanafi-Asr vor Eintritt der doppelten Schattenlänge zu verrichten.
Lange Sommernächte und das Ischa-Gebet auf 51° N
Zwischen Mai und Juli sinkt die Sonne in Solingen nachts teilweise nicht tiefer als 12–14 ° unter den Horizont. Streng genommen endet die nautische Dämmerung dann sehr spät oder gar nicht. Klassische Tabellen, die mit 18 ° rechnen, würden in solchen Fällen eine Ischa-Zeit weit nach Mitternacht angeben. Um dennoch praktikabel beten zu können, nutzen europäische Fatwa-Räte den Ansatz der „angemessenen Zeit“:
- Ischa wird auf den Zeitpunkt gelegt, an dem die Sonne 12–14 ° unter dem Horizont steht oder
- Ischa wird als fester Abstand zu Maghrib definiert (zum Beispiel 90 Minuten).
Die meisten Gemeindekalender in Deutschland folgen heute der 12-Grad-Methode. Dadurch fällt Ischa zur Hochsommerzeit in Solingen etwa zwischen 23:15 und 23:45 Uhr. Wichtig zu wissen: Die religiöse Gültigkeit bleibt gewahrt, solange der jeweilige Rat oder die eigene Moschee eine anerkannte Methode benutzt.
Mitternacht und freiwillige Gebete
Die Halbe-Nacht () ist in dieser Region häufig vor 01:00 Uhr erreicht. Wer Qiyâm-al-Layl oder Tahadschud beten möchte, findet deshalb im Sommer nur ein schmales Zeitfenster zwischen Ischa und Fadschr. Eine bewährte Praxis ist es, ein Teil der freiwilligen Gebete gleich nach Ischa zu verrichten und nur das Witr später in der letzten Drittelnacht () nachzuholen.