Rechenmethoden in Deutschland: MWL, Diyanet und IGMG
Im Alltag der Muslime in St. Pauli begegnen einem meist drei Berechnungsmethoden für die Gebetszeiten: die Methode der Muslim World League (MWL), die der Türkischen Religionsbehörde Diyanet und die der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). Alle drei beruhen auf identischen islamrechtlichen Grundlagen, nämlich den koranischen Versen und authentischen Hadithen, unterscheiden sich aber in den astronomischen Parametern, die sie ansetzen:
- MWL verwendet für Fadschr und Ischa einen Sonnenstand von –18° unter dem Horizont. Dieser Wert wurde in den 1970er-Jahren als internationaler Kompromiss vorgeschlagen und ist heute weltweit verbreitet.
- Diyanet setzt –18° für Fadschr, aber –17° für Ischa an. Damit beginnt die Nachtgebetszeit in der Regel ein paar Minuten früher als nach MWL und erleichtert Gläubigen das Einhalten des Nachtgebets.
- IGMG passt die MWL-Werte örtlich an: Für Deutschland gilt –18°/–17°, jedoch werden zusätzlich atmosphärische Korrekturen für hohe Breitengrade berechnet. In nördlichen Städten wie Hamburg sorgt das für realistischer erscheinende Ischa-Zeiten im Sommer.
Welche Methode man wählt, hängt oft von der eigenen Gemeinde oder vom Herkunftsland ab. Wichtig ist, konsequent eine Methode zu benutzen, damit keine Gebete verpasst werden. Die Unterschiede bewegen sich in St. Pauli gewöhnlich im Bereich von wenigen Minuten; die Pflicht, das Gebet pünktlich zu verrichten, wird dadurch nicht beeinträchtigt.
Astronomische Grundlagen – wann beginnt der Fadschr?
Der Beginn des Fadschr ist an die astronomische Morgendämmerung gebunden. Sie tritt ein, sobald der Sonne geometrisch ein bestimmter Winkel unter dem Horizont zugeschrieben wird. Bei –18° (MWL) zeigt sich der erste schwache Lichtstreif (arabisch fadschr ṣādiq) am Osthorizont. Ab diesem Moment darf gefastet und muss das Morgengebet verrichtet werden.
St. Pauli liegt auf 53,557° nördlicher Breite. Durch diesen hohen Breitengrad verlängern sich im Sommer die Tage stark. Zwischen Mai und Juli sinkt die Sonne nachts kaum mehr als 12–14° unter den Horizont. Dadurch gehen die theoretischen –18° oft in den frühen Abendstunden vor Mitternacht verloren; die Gebetszeiten-Rechner simulieren deshalb eine «angeglichene» Morgendämmerung. In der Praxis bedeutet das:
- Fadschr und Ischa rücken im Sommer enger zusammen – manchmal bleiben nur zwei bis drei Stunden Abstand.
- Im Winter dagegen herrscht tiefe Dunkelheit; die –18° werden früh erreicht, sodass Fadschr deutlich später und Ischa deutlich früher liegt als im Sommer.
Die Berechnungsprogramme berücksichtigen Datum, geografische Länge (9,964° O), Zeitzone (Europe/Berlin) und die Gleichung der Zeit. Zusätzlich werden atmosphärische Brechung und Reflektion einbezogen, um praxisnahe Ergebnisse zu liefern.
Asr-Zeit im Vergleich: schafiitische und hanafitische Schule
Alle vier Rechtsschulen stimmen darin überein, dass die Asr-Zeit beginnt, sobald der Schattenkörper eines Objektes seine eigene Länge plus den Mittags-Schatten erreicht. Uneinigkeit herrscht nur darüber, wann genau diese Bedingung erfüllt ist:
- Schafiitische, malikitische und hanbalitische Meinung: Asr beginnt, wenn der zusätzliche Schatten eine Körperlänge erreicht (Faktor 1).
- Hanafitische Meinung: Asr beginnt erst, wenn der zusätzliche Schatten zwei Körperlängen beträgt (Faktor 2). Diese Ansicht basiert auf Überlieferungen, die ein späteres Verrichten des Nachmittagsgebets begünstigen.
In St. Pauli führt die hanafitische Zeitformel im Sommer zu einem Asr, der bis zu einer Stunde später liegt als der schafiitische Wert, im Winter meist nur zu einer Differenz von 20–30 Minuten. Viele Gebetskalender bieten daher zwei Spalten an. Wer der hanafitischen Schule folgt, sollte den späteren Zeitpunkt einhalten; wer einer der anderen drei Schulen folgt, kann schon ab der früheren Zeit beten.