Warum verschiedene Berechnungsmethoden (MWL, Diyanet, IGMG) unterschiedliche Zeiten liefern
In Deutschland sind vor allem drei Rechenansätze verbreitet: die Muslim World League (MWL), die Diyanet-Methode der türkischen Religionsbehörde und die von der IGMG genutzte Variante. Alle Methoden greifen auf dieselben astronomischen Grundlagen zurück, unterscheiden sich aber bei zwei Stellschrauben:
- Sonnenuntergangs- und Morgendämmerungswinkel (z. B. 17,5° bei der MWL, 18°/17° bei IGMG, 18°/17°–19° bei Diyanet). Diese Winkel bestimmen, wie tief die Sonne unter dem Horizont liegen muss, damit Fadschr bzw. Ischa beginnen.
- Rundungen und Sicherheitsabstände: Manche Organisationen runden auf die nächste volle Minute oder ziehen Pausen von wenigen Minuten ab, um Verspätungen im Alltag abzufedern.
Das Ergebnis ist, dass sich die veröffentlichten Zeiten für St. Wendel um ein bis mehrere Minuten unterscheiden können. Aus der Sicht des Fiqh ist jede Methode gültig, solange sie nachvollziehbar auf die astronomischen Kriterien zurückgeführt wird. Wer konsequent einer Methode folgt (z. B. wegen des eigenen Vereins oder einer lokalen Moschee), vermeidet Verwirrung und hält den Grundsatz der Einheitlichkeit in der Gemeinde aufrecht.
Einfluss der geografischen Breite von St. Wendel (49,47° N) auf Fadschr und Ischa
St. Wendel liegt knapp unter dem 50. Breitengrad. Das bedeutet:
- Lange Sommertage: Zwischen Juni und Juli geht die Sonne erst sehr spät unter. Die astronomische Dämmerung verschmilzt teilweise mit dem Sonnenaufgang, sodass die Ischa-Zeit nach Mitternacht rücken kann.
- Kurze Wintertage: Im Dezember sinkt die Sonne früh unter den Horizont; Fadschr beginnt sehr spät am Morgen.
In Jahren mit extrem hellen Nächten stellt sich die Frage, ob die Sonne genügend Grad unter dem Horizont erreicht, um eine deutliche Dunkelheit zu erzeugen. Die meisten Kalender wenden dann pragmatische Hilfsregeln an, zum Beispiel:
- Halbe Nacht: Ischa wird spätestens zur Mitte der Nacht angesetzt – das ist der Zeitpunkt .
- Ein Drittel der Nacht: Manche Gemeinden nutzen den Zeitpunkt , wenn die tatsächliche Dämmerung nicht messbar ist.
Diese Hilfsregeln werden auch in St. Wendel angewandt, sobald der Sonnenstand an mehreren Tagen in Folge keinen klaren Dämmerungswinkel zulässt. Das vermeidet unpraktikabel späte Ischa-Zeiten und bewahrt die Regel, dass das Gebet nicht bis nach Mitternacht verschoben wird.
Das Asr-Gebet im hanafitischen und schafiitischen Verständnis
Die Unterschiede beim Asr-Gebet leiten sich nicht von der Astronomie, sondern vom Fiqh ab:
- Schafiitische, malikitische und hanbalitische Schule: Asr beginnt, wenn die Länge des Schattens eines Objekts gleich seiner Körperlänge wird.
- Hanafitische Schule: Asr beginnt, wenn der Schatten doppelt so lang wie das Objekt ist.
Je näher St. Wendel dem Sommer ist, desto flacher steht die Sonne am Nachmittag; daher liegen zwischen den beiden Schattenpunkten oft 50–70 Minuten. In fast allen deutschlandweiten Timetables erscheinen deshalb zwei Spalten für Asr. Welche Zeit maßgeblich ist, hängt vom persönlichen Rechtsschulverständnis ab – beide Optionen sind gültig, solange das Gebet innerhalb des jeweils definierten Intervalls verrichtet wird.
Fadschr, Sonnenaufgang und Maghrib klar auseinanderhalten
• Fadschr beginnt mit dem ersten, horizontalen Morgendämmerungsstreifen (astronomischer Morgen). Die Gebetszeit endet strikt mit dem sichtbaren Sonnenaufgang, also um . Danach ist bis Zuhr Beten verboten.
• Maghrib startet genau beim sichtbaren Untergang der Sonne; die Zeit für das Gebet ist kurz. Sobald die nautische Dämmerung einsetzt und die Sonne etwa 15–18° unter dem Horizont steht, beginnt Ischa.
Wer diese Zusammenhänge kennt, kann auch bei Stromausfall oder in der Natur sicher beten: Einfache Beobachtung des Sonnenstands genügt.