Warum sich der Zeitraum zwischen Maghrib und Ischa in den Wintermonaten verkürzt
Stellingen liegt auf 53,6 ° nördlicher Breite. Je weiter nördlich ein Ort liegt, desto flacher verläuft die Sonnenbahn im Winter. Die Sonne sinkt früher und steiler unter den Horizont, die astronomische Dämmerung endet schneller. Dadurch nähern sich die beiden abendlichen Gebetszeiten an: Kaum ist die Sonne untergegangen (Beginn von Maghrib), dauert es nur wenig länger, bis die nautische Dämmerung den Himmel vollständig abdunkelt und die Kriterien für Ischa erfüllt sind. In Stellingen kann das Intervall zwischen den beiden Gebeten im Dezember weniger als 60 Minuten betragen, während es im Juni oft über zwei Stunden liegt.
Praktisch bedeutet das: Wer nach Maghrib noch Besorgungen plant, sollte im Winter die Uhr im Blick behalten. Die Pflichtzeit von Ischa beginnt zwar zügig, bleibt aber bis Mitternacht (gemessen an ) erhalten. Wer das Gebet erst in der späteren Abendhälfte verrichtet, erfüllt die Pflicht weiterhin, vermeidet jedoch das Risiko, die Zeit zu verpassen.
Rechenmethoden im Vergleich: MWL, Diyanet und IGMG
Für Deutschland dominieren drei Kalkulationsmethoden:
- MWL (Muslim World League) – nutzt 18° Sonnenstand für Fadschr und 17° für Ischa. Diese konservativen Winkel liefern längere Dämmerungsphasen und damit frühere Fadschr- und spätere Ischa-Zeiten.
- Diyanet (Präsidium für Religionsangelegenheiten der Türkei) – rechnet mit 18°/17° wie die MWL, korrigiert jedoch Ergebnisse für nördliche Breiten durch ein gleitendes Modell. Bei 53° N führt das oft zu leicht späteren Fadschr- und früheren Ischa-Zeiten als bei der MWL.
- IGMG (Islamische Gemeinschaft Millî Görüş) – orientiert sich an Diyanet, ergänzt aber zusätzliche Anpassungen für westeuropäische Sommernächte. Dadurch weicht IGMG vor allem im Juni und Juli merklich ab.
Alle drei Methoden basieren auf denselben astronomischen Grundlagen – Datum, geografische Koordinaten (53,5922° N, 9,9287° E), Zeitzone (UTC+1 bzw. +2 im Sommer) – verwenden jedoch unterschiedliche Grenzwerte und Korrekturen. Darum kann die Fadschr-Zeit zwischen zwei Kalendern um bis zu 15 Minuten differieren, ohne dass eine der Berechnungen automatisch „falsch“ wäre. Für das Gemeinschaftsgebet in einer Moschee ist stets der dort veröffentlichte Kalender maßgeblich.
Lange Sommernächte und das Ischa-Gebet auf 53 °N
Zwischen Ende Mai und Mitte Juli erreicht die Sonne in Stellingen nachts nicht immer 17–18° unter dem Horizont. Die astronomische Abenddämmerung geht dann in ein diffuses Zwielicht über; man spricht von „hellen Nächten“. Traditionell beginnt Ischa, wenn die rote Dämmerung vollständig verschwunden ist. Fehlt dieser eindeutige Moment, greifen Fiqh-Räte auf Ersatzzugänge zurück:
- Proportionalmethode: Die Länge der Nacht wird in zwölf gleich große Teile geteilt; Ischa beginnt nach einem Zwölftel der Nacht. Das entspricht ungefähr dem Ansatz von Diyanet.
- Winkelersatz: Man setzt einen kleineren Sonnenstand (z. B. 12°) an, um zumindest eine rechnerische Grenze zu ziehen.
- Halbe-Nacht-Variante: Spätestens um sollte Ischa verrichtet sein, auch wenn die Dunkelheit vorher nicht komplett eingetreten ist.
Welche Lösung angewandt wird, hängt von der jeweiligen Gebetszeiten-Tabelle ab. Gläubige sollten sich an die Entscheidung ihrer lokalen Moschee halten, um Einheit zu wahren.
Der Unterschied zwischen Hanafi- und Schafiʿi-Zeit bei Asr
Asr beginnt laut hanafitischer Schule, wenn der Schatten eines Gegenstandes seine eigene Länge plus den Mittagsschatten erreicht. Nach Schafiʿi (sowie Malikiten und Hanbaliten) genügt bereits die einfache Schattenlänge. In der täglichen Tabelle werden daher oft zwei Asr-Werte angegeben. Wer nach der hanafitischen Meinung betet, wartet etwa 20–30 Minuten länger als jemand, der der schafiitischen Meinung folgt. Beide Ansätze sind in der klassischen Rechtslehre anerkannt; entscheidend ist die konsequente Anwendung des gewählten Mazhabs.