Die Stellung der Sonne und islamische Morgendämmerung: Wie Fadschr berechnet wird
Das erste Gebet des Tages beginnt, wenn am Horizont die astronomische Morgendämmerung (arab. Subh as-Ṣādiq) erscheint. In der Praxis wird dieser Moment über den Sonnenstand unterhalb des Horizonts definiert. Je nach Rechenmethode liegt der sogenannte Winkel zwischen –12 ° und –18 °. Erreicht die Sonne diesen Winkel, beginnt die Zeit für das Fadschr-Gebet und gleichzeitig das Fasten für alle, die fasten möchten. Der Zeitraum bis zum tatsächlichen Sonnenaufgang – dargestellt durch – ist also die einzige sichere „Frühlichtphase“, in der Fadschr verrichtet werden kann.
Stralsund befindet sich auf 54,3 ° nördlicher Breite. Je höher der Breitengrad, desto länger dauert im Sommer die Dämmerung und desto kürzer ist sie im Winter. In den hellen Nächten um den 21. Juni wird es nördlich von 48 ° nie vollständig dunkel. Die Sonne unterschreitet den Horizont nicht mehr tief genug, damit die klassischen Winkel (–18 °) erreicht werden. Viele Kalender verwenden in dieser Zeit angepasste Modelle: zum Beispiel „Mittelnacht-Weg“ (1/2 der Nacht) oder „Ein-Drittel-Lösung“ (1/3 der Nacht), um dennoch eine Beginn-Zeit für Fadschr und eine End-Zeit für Ischa anzugeben.
Dank dieser astronomischen Grundlagen sieht man, warum sich die Zeiten von Tag zu Tag verschieben: Jeder Kalender greift auf die aktuelle Sonnenposition, das Datum, die Koordinaten von Stralsund, den Zeitzonen-Offset Europa/Berlin (+1 bzw. +2 UTC) und die verwendeten Winkelwerte zurück. Ohne diese Faktoren gäbe es im Islam keine eindeutige Scharia-Definition für die fünf Gebete.
Kürzere Spanne zwischen Maghrib und Ischa im Winter
Wenn die Sonne in Stralsund im Dezember bereits kurz nach 15 Uhr untergeht, folgt das Ischa-Gebet oft schon anderthalb bis zwei Stunden später. Der Grund ist schlicht der flache Lauf der Sonne in nördlichen Breiten: Sie verschwindet steil hinter dem Horizont, sodass die nautische und schließlich die astronomische Dämmerung schnell erreicht werden. Wer im Winter nach der Arbeit betet, spürt daher einen deutlichen Zeitdruck zwischen Maghrib und Ischa. Um das Abendgebet nicht zu verpassen, empfiehlt es sich, Maghrib direkt nach Sonnenuntergang zu verrichten; für Ischa bleibt dann meist noch ausreichend, aber kein übermäßig großer Zeitrahmen bis gegen Mitternacht.
Im Sommer kehrt sich das Bild um. Sonnenuntergang kann erst gegen 22 Uhr eintreten, während der Ischa-Zeitpunkt unter Umständen erst nach 23 Uhr oder – bei manchen Methoden – gar nicht mehr klassisch berechenbar ist. Viele deutsche Gemeinden einigen sich dann auf Hilfslösungen wie 1/2-Nacht () oder 1/3-Nacht (), um eine praktische Obergrenze festzulegen. So wird eine unzumutbar späte Gebetszeit vermieden, ohne die schariarechtliche Grundlage zu verlassen.
Beliebte Rechenmethoden in Deutschland: MWL, Diyanet und IGMG
MWL (Muslim World League)
Die Muslim World League nutzt 18 ° für Fadschr und 17 ° für Ischa. Diese konservative Einstellung liefert die frühesten Morgen- und die spätesten Nachtzeiten. Viele Apps übernehmen MWL als weltweiten Standard, weil er klimatisch für arabische Länder entwickelt wurde.
Diyanet (Präsidium für Religionsangelegenheiten Türkei)
Diyanet verwendet ebenfalls 18 °/17 °, berücksichtigt jedoch lokale topografische Anpassungen und eine streng astronomische Definition des Sonnenuntergangs. Für deutsche Städte mit großer türkischer Gemeinde ist der Diyanet-Kalender besonders verbreitet, da er von zahlreichen Moscheen direkt übernommen wird.
IGMG (Islamische Gemeinschaft Milli Görüş)
IGMG geht mit 12 °/12 ° deutlich pragmatischer vor. Dadurch liegen Fadschr später und Ischa früher, was vor allem im hohen Norden Europas den Alltag erleichtert. Viele deutschsprachige Muslime wählen IGMG-Daten, um realistische Zeiten zu erhalten, wenn die klassischen Winkel nicht mehr funktionieren.
Warum unterscheiden sich die Methoden? Sie alle interpretieren dieselben Quellen. Der Prophet – Friede sei mit ihm – gab qualitative Beschreibungen: Morgendämmerung, verschwundene Röte, Sonnenstand. Die exakten Winkelzahlen stammen erst aus späteren astronomischen Arbeiten muslimischer Gelehrter. Deshalb ist keine Methode absolut, solange sie die anerkannten Kriterien erfüllt.
Der Unterschied beim Asr-Gebet
Während Fadschr und Ischa primär über Sonnenwinkel berechnet werden, richtet sich Asr nach der Länge des Schattenwurfs. Im hanafitischen Fiqh beginnt Asr, wenn der eigene Schatten doppelt so lang ist wie das Objekt plus der Mittags-Schatten (Fazilat al-Asr). Die Mehrheitsschulen (Schāfiʿī, Mālikī, Hanbalī) nehmen den einfachen Schatten als Grenzwert. Beide Ansichten stützen sich auf authentische Hadithe; die eine setzt die früheren, die andere die späteren Berichte in den Vordergrund. In den Tabellen finden Sie deshalb zwei Asr-Spalten oder einen Hinweis „Hanafi/Shafiʿi“.