Warum verschiedene Berechnungsmethoden (MWL, Diyanet, IGMG) zu unterschiedlichen Zeiten führen
In Deutschland werden vor allem drei Rechenparameter-Sätze genutzt, um die täglichen Gebetszeiten abzuleiten: Muslim World League (MWL), Diyanet Türkiye und die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). Alle drei stützen sich auf die gleichen astronomischen Grunddaten – Datum, geografische Koordinaten, Zeitzone – interpretieren aber die Position der Sonne bei Fadschr und Ischa leicht unterschiedlich.
Unterschiede bei den Sonnenständen
- MWL legt den Beginn von Fadschr und das Ende von Ischa bei –18° Sonnenhöhe unter dem Horizont fest. Das führt tendenziell zu etwas früheren Morgen- und späteren Nachtgebeten.
- Diyanet verwendet –18° für Fadschr, aber –17° für Ischa. Dadurch rückt Ischa geringfügig nach vorn.
- IGMG arbeitet mit –15° für beide Zeiten. Dieser Ansatz wurde gewählt, um auch in nördlicheren Breiten stabile Zeiten zu bieten, wenn im Sommer die astronomische Dämmerung sehr lange anhält.
Für Vaihingen an der Enz (Breite 48,94° N, Länge 8,96° O) liegen die Abweichungen zwischen den Methoden meist innerhalb von 5–15 Minuten. In der Praxis empfehlen viele Moscheen vor Ort, sich an eine gemeinsam beschlossene Methode zu halten, damit Jamaʿa-Gebete koordiniert stattfinden können.
Kurze Abstände zwischen Maghrib und Ischa im Winter
Je höher die Breite, desto stärker ändern sich die Tageslängen im Jahreslauf. Auf knapp 49° N erlebt Vaihingen an der Enz im Dezember nur knapp acht Stunden Tageslicht. Die Sonne sinkt schnell unter den Horizont, und die nautische Abenddämmerung, die für Ischa maßgeblich ist, folgt zügig auf den Sonnenuntergang.
Dadurch schrumpft das Zeitfenster zwischen Maghrib und Ischa im Winter oft auf 60–70 Minuten. Wer das Nachtgebet in der Moschee verrichten möchte, sollte diesen engen Rahmen einplanen. Im Juni hingegen vergehen bis zu zweieinhalb Stunden, bis die Sonne genügend tief steht. In einigen Nächten bleibt bei 48° N sogar eine Resthelligkeit bestehen, sodass manche Kalender die Ischa-Zeit provisorisch setzen, um die betroffenen Nächte gebetsrechtlich zu ordnen.
Umgekehrt verlängert sich im Sommer das Morgendämmerungsband. Der Abstand zwischen dem Beginn von Fadschr und dem Sonnenaufgang () kann dann mehr als 120 Minuten betragen, wohingegen er im Dezember bei etwa 80 Minuten liegt.
Fadschr, astronomische Dämmerung und die Rolle der Sonnenhöhe
Der Qurʾan setzt den Beginn des Tagesfastens und des ersten Gebets auf das Erscheinen des weißen Fadens am Horizont (Sure 2:187). Klassische Gelehrte haben diese Beschreibung mit der astronomischen Morgendämmerung in Verbindung gebracht. Im modernen Kalenderwesen wird der Zeitpunkt mathematisch bestimmt, sobald der Mittelpunkt der Sonne einen definierten Winkel unter dem Horizont erreicht.
Warum die Formel von der Breite abhängt
Bei 48,94° N tritt die ‑18°-Linie im Sommer sehr spät, teilweise gar nicht, ein. Daher kürzen manche Institute den Winkel auf –15° oder arbeiten mit Hilfsklauseln wie der einen Siebtel-Nacht-Methode, um die Fadschr-Zeit trotzdem festzulegen. Wichtig ist: Das Ziel bleibt, den ersten hellen Streifen am östlichen Horizont zu erwischen, nicht willkürliche Uhrzeiten.
Asr nach den Mazhabs
Während Fadschr und Ischa durch den Sonnenwinkel bestimmt werden, richtet sich Asr nach der Schattenlänge eines Objekts. Die hanafitische Rechtsschule verlangt die doppelte Eigenlänge, die übrigen Schulen die einfache. Das erklärt, warum zwei Kalender für Vaihingen an der Enz am selben Tag zwei unterschiedliche Asr-Zeiten ausweisen können. Beide Zeiten sind gültig, solange man dem jeweiligen Mazhab folgt.
Schließlich ändern sich alle Gebetszeiten täglich, weil die scheinbare Bahn der Sonne sich im Laufe des Jahres verschiebt. Dasselbe Prinzip, das die Jahreszeiten entstehen lässt, sorgt damit für unseren dynamischen Gebetskalender.