Asr-Zeit nach hanafitischer und schafiitischer Berechnung
Die fünf täglichen Gebete orientieren sich an klar erkennbaren Sonnenständen. Beim Asr gibt es allerdings zwei anerkannte Berechnungsweisen: Im schafiitischen, malikitischen und hanbalitischen Fiqh beginnt Asr, sobald der eigene Schatten eines Objekts genau so lang ist wie das Objekt selbst (Faktor 1). In der hanafitischen Schule wartet man, bis der Schatten das Doppelte erreicht hat (Faktor 2).
Für Wendlingen am Neckar bedeutet das konkret: Zur Sommersonnenwende differieren die beiden Asr-Zeitpunkte um etwa 50 bis 60 Minuten, im Winter oft nur um 20–25 Minuten. Durch die relativ hohe Breite von 48,67° verlängern sich die Nachmittags-Schatten im Sommer langsamer, sodass der Abstand zwischen den beiden Methoden grösser wird. Beide Ansätze sind schariatisch gültig; Muslime richten sich meist nach dem eigenen Madhhab oder nach der Praxis der lokalen Moschee. Wichtig ist, innerhalb des gewählten Zeitrahmens zu beten und nicht beide Methoden willkürlich zu mischen.
Geographische Länge und ihr Einfluss auf den Sonnenuntergang
Die Breite bestimmt die Dauer des Tageslichts, die geographische Länge verschiebt dagegen den Zeitpunkt, zu dem sich die Sonne an einem bestimmten Datum unter den Horizont senkt. Wendlingen am Neckar liegt bei 9,38° östlicher Länge. Pro Längengrad entspricht das etwa vier Erdminuten. Verglichen mit Reutlingen (9,20° E) erreicht die Sonne hier daher rund eine Minute früher den Horizont; gegenüber Ulm (9,99° E) ungefähr zweieinhalb Minuten später. Solche Differenzen wirken klein, doch bei der Maghrib-Zeit – die genau mit Sonnenuntergang beginnt – zählen selbst Sekunden.
Deshalb stützen aktuelle Tabellen die Gebetszeiten nicht auf pauschale Landeswerte, sondern auf exakte Koordinaten. Die Kombination aus Länge, Breite, Meereshöhe und der lokalen Zeitzone (Europe/Berlin, UTC+1 bzw. +2 im Sommer) liefert die wahre Maghrib-Sekunde für jeden Tag. Diese Genauigkeit erklärt, warum die Angaben für Wendlingen am Neckar trotz räumlicher Nähe leicht von Städten wie Esslingen oder Kirchheim unter Teck abweichen.
MWL, Diyanet und IGMG – drei verbreitete Berechnungsmethoden
In Deutschland kursieren vor allem drei Rechenansätze, deren Unterschiede sich hauptsächlich auf die Fadschr- und Ischa-Parameter beziehen:
- MWL (Muslim World League): verwendet polare Sonnendepressionswinkel von 18° (Fadschr) und 17° (Ischa). Internationale Apps greifen häufig auf diese Werte zurück.
- Diyanet: Die türkische Religionsbehörde nutzt 18°/17° in den Wintermonaten, reduziert Ischa jedoch schrittweise auf bis zu 15° im Sommer, um das Problem langer Dämmerung in höheren Breiten abzufedern.
- IGMG: setzt in Deutschland meist 15°/15° an. Das resultiert in etwas früheren Ischa-Zeiten, was den Gemeindebesuch am Abend erleichtert.
Auf den ersten Blick weichen die Tabellen deshalb um 5–25 Minuten voneinander ab. Entscheidender als die Angabe an sich ist jedoch eine konsistente Nutzung einer Methode. Viele Moscheevereine in Baden-Württemberg orientieren sich traditionell an Diyanet, während zahlreiche digitale Kalender MWL wählen. Für private Beter gilt: Wer zu Hause eine der Methoden nutzt und in der Gemeinschaft eine andere, sollte die strengere Zeit (also den späteren Fadschr und den früheren Ischa) bevorzugen, um sicheren Raum (ʿaṣr al-waqt) zu wahren.
Sommerliche Dämmerungsprobleme auf 48,67° N
Je weiter nördlich, desto länger hält die nautische Dämmerung nachts an. In Wendlingen am Neckar sinkt die Sonne um die Sommersonnenwende nur knapp unter 15° unter den Horizont. Methoden mit 18° für Ischa liefern dann extrem späte Werte, teilweise nach 23 Uhr. Viele Gemeinden verkürzen den Winkel oder nutzen einen festen Abstand zur Maghrib-Zeit (z. B. 90 Minuten), um eine betriebspraktische Lösung zu finden.
Wer individuell betet, kann dennoch das astronomische Kriterium beibehalten. Eine gute Orientierung ist der Zeitpunkt der letzten dritten Nachtnacht (). Danach wird das Licht allmählich wieder heller, und das Warten auf einen noch späteren Ischa bringt kaum zusätzlichen Nutzen.