Lange Sommertage und kurze Winternächte an der Ostseeküste
Wismar liegt auf 53,89° nördlicher Breite. Diese hohe Breite sorgt dafür, dass die Sonne im Juni nur flach unter den Horizont sinkt. Die bürgerliche und astronomische Dämmerung verschmelzen fast, sodass zwischen Maghrib und Fadschr oft nur wenige wirkliche Nachtstunden bleiben. Das betrifft vor allem das Ischa-Gebet: Bei einer Sonnendepression von 17–18 ° würde die Dämmerung im Hochsommer gar nicht ganz verschwinden. Islamische Gelehrte empfehlen deshalb für Regionen ab etwa 48 ° Nord verschiedene Ersatzregeln, zum Beispiel:
- Ischa eine feste Zeitspanne (z. B. 90 Minuten) nach Maghrib zu beten,
- den Beginn der mittleren Nacht zu verwenden – das ist in Wismar ungefähr zur Hälfte zwischen Maghrib und Fadschr (schaltbare Referenz: ).
Im Winter kehrt sich das Bild um: Die Sonne steht mittags sehr tief, Dämmerungsphasen sind kurz, und Fadschr sowie Ischa rücken näher zusammen. Wer im Januar vor der Arbeit beten möchte, profitiert von den klarer definierten Grenzen der Nacht.
Der Längengrad und sein Einfluss auf den lokalen Sonnenuntergang
Neben der Breite spielt auch der Längengrad eine Rolle: Pro Längengrad verändert sich die lokale Sonnenzeit um etwa vier Minuten. Wismar liegt bei 11,45° Ost und damit etwas westlicher als Rostock, aber östlicher als Hamburg. Dasselbe Datum kann daher folgende Verschiebungen bewirken:
- Maghrib in Wismar erfolgt rund zwei Minuten später als in Rostock,
- aber circa sechs Minuten früher als in Bremen.
So erklärt sich, warum das abendliche Gebet in scheinbar nahen Städten nicht exakt gleich angesetzt wird. Auch kleine Abweichungen in der Höhenlage oder der atmosphärischen Refraktion können die gemessene Zeit um weitere Dutzend Sekunden verschieben – Rechenprogramme runden schließlich auf volle Minuten ab.
Rechenmethoden in Deutschland und die Frage nach Asr
MWL, Diyanet und IGMG im Vergleich
Für die meisten deutschen Städte werden drei Kalkulationsmethoden verwendet:
- MWL (Muslim World League): Fadschr-Winkel 18 °, Ischa-Winkel 17 °. Dieser Ansatz ist international verbreitet und wird als konservativ angesehen, weil er einen längeren Dämmerungsbereich annimmt.
- Diyanet (Türkische Präsidium für Religionsangelegenheiten): identische Winkel wie MWL, aber mit eigener Korrekturtabelle für hohe Breiten. Viele deutsch-türkische Gemeinden nutzen diese Zeiten.
- IGMG: arbeitet in Mitteleuropa oft mit 12 °/12 ° oder mit festen Zeitabständen, um das Sommerproblem der Dämmerung zu lösen. Dadurch beginnen Fadschr und Ischa deutlich später bzw. früher als bei MWL.
Weil jede Methode andere Winkel oder Ersatzregeln einsetzt, erscheinen auf verschiedenen Webseiten abweichende Uhrzeiten. Die Wahl der Methode hängt meist von der lokalen Gemeinde oder vom persönlichen Vertrauen in eine bestimmte Behörde.
Asr nach unterschiedlichen Rechtsschulen
Der Beginn des Nachmittagsgebets wird über die Schattenlänge bestimmt. Gemäß den drei Rechtsschulen Schafi’i, Maliki und Hanbali beginnt Asr, sobald der Schatten eines Objekts doppelt so lang ist wie zur Mittagszeit. Die hanafitische Schule wartet, bis der Schatten zweimal die eigene Höhe des Objekts erreicht. Für Wismar bedeutet das im Sommer bis zu 40 Minuten Unterschied zwischen den beiden Berechnungen. Viele Zeittabellen – auch die auf dieser Seite – listen deshalb beide Varianten, damit Betende ihren Mazhab berücksichtigen können.
Zusammenhang zwischen Fadschr, Sonnenaufgang und Maghrib
Fadschr beginnt, sobald der horizontale Lichtstreifen (wahre Morgendämmerung) erscheint. Die zulässige Zeit endet spätestens 20 Minuten vor dem Sonnenaufgang, um eine sichere Pufferzone zu gewährleisten. Eine praktische Orientierung bietet shuruq: . Maghrib dagegen setzt exakt mit dem Verschwinden der Sonne ein. Danach beginnt sofort die Zeit für Ischa, wird aber – wie oben beschrieben – bei langen Sommertagen oft nach speziellen Regeln berechnet.