Die geografische Breite von Wurzen und ihre Auswirkung auf Fadschr und Ischa
Wurzen liegt auf 51,37° nördlicher Breite. Diese Lage führt dazu, dass der Sonnenbogen im Sommer deutlich länger und im Winter viel kürzer ist. Für die Gebetszeiten bedeutet das:
- Lange Sommertage: Die Morgendämmerung beginnt sehr früh, während die astronomische Abenddämmerung erst spät endet. Dadurch verkürzt sich die Nacht spürbar; zwischen Fadschr und Ischa liegen im Juni oft weniger als sechs Stunden.
- Kurze Wintertage: In den Wintermonaten verschiebt sich Fadschr nach hinten und Ischa nach vorn. Die Nacht ist dann länger, sodass sich beide Gebete komfortabler einplanen lassen.
Anders als in Städten oberhalb von 54° Breite erlebt Wurzen keine «weißen Nächte», in denen die Abenddämmerung gar nicht mehr endet. Dennoch ist der Sonnen–Tiefststand im Juni so gering, dass die Dunkelheit nach Sonnenuntergang nur schwach ausgeprägt ist. Einige Berechnungsmethoden verwenden deshalb alternative Parameter, um für Ischa eine praktikable Uhrzeit anzugeben.
Unterscheidung von Fadschr, Sonnenaufgang und Maghrib
Der Zeitpunkt des Fadschr-Gebets beginnt mit dem ersten Erscheinen des wahrsagenden Morgengrauens (Fadschr ṣādiq) und endet mit dem Sonnenaufgang . Maghrib beginnt unmittelbar, sobald die Sonnenscheibe unter dem Horizont verschwunden ist. Zwischen Maghrib und Ischa wartet man, bis die rote Abendröte (Schām) vergeht – je nach Berechnungsmethode dauert das in Wurzen im Hochsommer deutlich länger als im Winter.
Berechnungsmethoden in Deutschland: MWL, Diyanet und IGMG
Für muslimische Gemeinden in Deutschland haben sich drei Rechenmethoden etabliert. Alle beruhen auf Sonnenstandsberechnungen, unterscheiden sich aber in den verwendeten Dämmerungswinkeln und Zusatzregeln.
- MWL (Muslim World League)
• Morgen- und Abenddämmerung: 18° unter dem Horizont
• Liefert tendenziell frühere Fadschr— und spätere Ischa-Zeiten.
• Wird häufig von internationalen Apps und Kalendern genutzt. - Diyanet (Türkische Religionsbehörde)
• Winkel: 18° (Fadschr) und 17° (Ischa).
• Bei sehr kurzen Nächten greift eine proportionale Nachtteilung: Die Zeit zwischen Maghrib und Fadschr wird in sieben Abschnitte geteilt; Ischa beginnt nach dem ersten Siebtel.
• In vielen deutschen Moscheen mit türkischem Hintergrund Standard. - IGMG (Islamische Gemeinschaft Millî Görüş)
• Winkel: 14° für beide Dämmerungen.
• Liefert spätere Fadschr— und frühere Ischa-Zeiten, was den Alltag erleichtert, ohne die Pflichtzeiten zu verlassen.
• Besonders verbreitet in NRW, aber auch in ostdeutschen Gemeinden anzutreffen.
Abweichungen von wenigen Minuten zwischen verschiedenen Kalendern entstehen also nicht durch Rechenfehler, sondern durch bewusste Wahl unterschiedlicher Parameter. Wichtig ist, innerhalb einer Gemeinde konsistent zu bleiben.
Asr nach den Madhhab: Ein- vs. Zweifache Schattenlänge
Das Nachmittagsgebet (Asr) ist das einzige Pflichtgebet, dessen Beginn im Fiqh zwei Varianten kennt:
- Schāfiʿitischer, Mālikitischer und Hanbalitischer Madhhab: Asr beginnt, sobald der Schatten eines Gegenstands seine eigene Länge erreicht – zusätzlich zum Mittagsschatten (Fayʾ al-Zawāl).
- Hanafitischer Madhhab: Der Beginn liegt erst bei der zweifachen Schattenlänge. Dadurch verschiebt sich Asr in Wurzen – je nach Jahreszeit – um 30 bis 60 Minuten nach hinten.
In vielen deutschen Moscheen werden beide Zeiten parallel ausgewiesen. Muslime richten sich nach ihrem Madhhab oder folgen der Praxis ihrer lokalen Gemeinde. Für das Ende der Asr-Zeit besteht Einigkeit: Es ist erreicht, wenn die Sonnenscheibe den Horizont berührt (Maghrib).